Organisierte Adoptionen über Waisenhäuser: Wenn Kinder zur Handelsware werden

23. März 2011

Im Jahr 2001 haben die USA und andere westliche Staaten ein Verbot von Adoptionen aus Kambodscha ausgesprochen, nach dem Beweise aufgetaucht waren, die vereinzelte Fälle von systematischem Kinderhandel belegten. Im kommenden Monat sollen nach zehn Jahren Adoptionen nun wieder zugelassen werden. Das Interesse liegt vor allem auf kambodschanischer Seite; die Regierung will nun ein Gesetz verabschieden, das dem Haager Übereinkommen vom 29. Mai 1993 über den Schutz von Kindern und die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der internationalen Adoption entspricht.

Doch die Krux besteht in Kambodscha meist in der Implementierung von Normen, nicht in deren Formulierung. Korruption ist derart weit verbreitet, dass Geld praktisch jedes Gesetz aushebeln kann. Insofern sind die Sorgen, Kambodscha habe im Vergleich zu 2001 keine erheblichen Fortschritte erzielt, die eine Liberalisierung des Adoptionsrechts rechtfertigen könnten, nicht unbegründet. In den Fokus der Aufmerksamkeit sind nun die 269 Waisenhäuser (von denen lediglich 21 staatlich betrieben werden) im ganzen Land geraten, nachdem sich das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen UNICEF besorgt über Risiken gezeigt hatte, die unter anderem durch den so genannten freiwilligen Tourismus ausgingen. Wie dpa einen Bericht des Cambodia Daily zitiert, habe das Ministerium für soziale Angelegenheiten damit begonnen, die Waisenhäuser zu inspizieren. Der Grund klingt allerdings äußerst befremdlich: Man wisse nicht, wie die Kinder dort behandelt würden, meinte ein Ministeriumssprecher dazu.

Eine Regierung also, die die Betreuung von Waisen nur in einem sehr begrenztem Umfang als staatliche Hoheitsaufgabe wahrnimmt und in die Umsetzung durch private Träger kaum involviert ist, etwa durch die Setzung klarer gesetzlicher Standards und regelmäßiger flächendeckender Qualitätskontrollen. Und die damit dem freien Markt die Obhut einer Bevölkerungsgruppe überlässt, die wie keine andere zahlreichen existenziellen Risiken ausgesetzt ist. Dennoch wäre es falsch, lediglich die begrenzte Staatlichkeit Kambodschas zu kritisieren (welche eine typische Eigenschaft eines unterentwickelten Staates darstellt). Vielmehr sind es vor allem Personen, die entweder öffentliche Ämter wahrnehmen oder in Uniformen von Sicherheitskräften stecken: Sie verdienen oft mit an diesen Geschäften, bei denen schutzbedürftige Kinder im schlimmsten Fall zu sexuellen Objekten pädophiler Straftäter werden.

In den letzten sechs Jahren verdoppelte sich nicht nur die Zahl der Waisenhäuser, sondern auch die Anzahl der Kinder, die dort leben, auf nunmehr knapp 12.000. Von denen sollen 75% aber noch mindestens einen lebenden Elternteil haben. Vor dem Hintergrund der immer noch weit verbreiteten Armut scheinen offensichtlich einige Eltern in ihrer Verzweiflung zu hoffen, ihren Kindern ginge es dort besser, zumal die privaten Einrichtungen oftmals von internationalen Trägern und Spendern eröffnet und unterhalten werden. Auch wenn diese internationalen Freiwilligen, von denen UNICEF spricht, die Waisenhäuser mit den besten Absichten unterstützen, schaffen sie damit dennoch Anreize, Kinder von ihren Familien zu trennen. Dadurch würden Kinder „institutionalisiert“, die bei ihren Eltern oder einem Elternteil meist weit besser aufgehoben sind als in einem Waisenhaus, das lediglich als letzte Lösung in Frage kommen sollte.

Aber es gibt noch eine extremere Variante dessen: Nicht wenige Waisenhäuser organisieren Besichtigungstouren für Touristen, wodurch zwar notwenige Spenden akquiriert, die Kinder aber auch vorgeführt werden. Dabei ist es schon vorgekommen, dass in Nächten nach solchen Besichtigungen Kinder spurlos und für immer verschwanden. Deshalb schotten manche Waisenhäuser schon seit Jahren die Schlaf- und Arbeitsräume der acht bis zwölfjährigen Waisen konsequent für alle unbekannten Besucher ab.

Die Gefahr, dass die Waisenhäuser demnächst wieder zum Umschlagplatz organisierten Kinderhandels – wie man die zu erwartenden massenhaften Adoptionen durchaus wird nennen dürfen – werden, besteht allerdings weiterhin. Das Moratorium hat auch in den letzten Jahren nicht wirklich viel gebracht. Der Autor erinnert sich noch gut an ein kanadisches Pärchen, das auf einer privaten Zusammenkunft 2007 in Phnom Penh stolz einen Säugling präsentierte, den es am Vortag adoptiert hatte. Kanada gehörte schon damals allerdings zu den Ländern, die Adoptionen aus Kambodscha untersagt hatten. Dass das ein Einzelfall gewesen sein soll, ist nun wirklich nicht vorstellbar. Denn es verdienen einfach zu viele Staatsbedienstete an internationalen Adoptionen mit, wie der authentische Film Holy Lola des französischen Regisseurs Bertrand Tavernier aus dem Jahr 2004 erindrucksvoll erzählt.

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