Nuon Chea und Khieu Samphan erneut schuldig gesprochen

Nach dem ersten endete auch das zweite Verfahren gegen die beiden letzten Repräsentanten der Khmer Rouge erwartungsgemäß mit einer Verurteilung. Die erste Kammer befand heute die greisen Angeklagten Nuon Chea (92), ehemals Nummer 2 im Regime, und Ex-Staatschef Khieu Samphan (87), die bereits in früheren Verfahren rechtskräftig zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt sind, schuldig in den Anklagepunkten Genozid, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und schwerwiegende Verstöße gegen die Genfer Konvention von 1949. Das Verfahren im sogenannten Fall 002/02 begann am 17. Oktober 2014 und dauerte bis zum 11. Januar 2017.

Laut Gericht sind eine lange Liste an Straftaten als erwiesen anzusehen. Einzig Khieu Samphan wurde vom Vorwurf des Völkermords an den Cham, einer ethnischen Minderheit muslimischen Glaubens, freigesprochen. Die Verteidigung, die von Verhandlungen unter unfairen Bedingungen sprach, hat noch die Möglichkeit, das Urteil vor der Zweiten Kammer anzufechten. Ursprünglich war noch ein dritter Teil (002/03) geplant, der aber wohl nicht mehr stattfinden wird.

In einem dürften alle Beteiligten einig sein: Die Symbolkraft sowohl der Verfahren als auch der Urteile ist enorm. Einerseits, weil zumindest zwei der politisch und rechtlich Verantwortlichen für die grausamsten Verbrechen, die man sich vorstellen kann, letzten Endes nicht davon gekommen sind. Andererseits gehört zum vollständigen Bild aber auch die Ineffizienz, mit der das Tribunal gearbeitet hat, die skandalöse Beeinflussung der richterlichen Unabhängigkeit durch die kambodschanische Regierung und der fade Beigeschmack, dass Aburteilung weit wichtiger war als Ermittlung und Aufklärung. Insofern können die Extraordinary Chambers in the Courts of Cambodia (ECCC), wie das Tribunal offiziell heißt, durchaus als Musterbeispiel für vergleichbare Verfahren der Zukunft herangezogen werden – nämlich, was man alles falsch machen kann.

„Besser als gar nichts“ ist dann auch die weit verbreitete Formel, die seit Jahren als kleinster gemeinsamer Nenner bemüht wird. Aber dieses „besser“ wäre nur gerechtfertigt, wenn das Tribunal dazu beiträgt, dass sich solche beispiellosen Verbrechen weder in Kambodscha noch sonst wo auf Welt wiederholen. Das dürfte zwar schwer zu messen sein, kann aber die langfristige Beurteilung noch stark ins Positive verändern.

Die Frage, ob den Überlebenden mit dem heutigen Tag Gerechtigkeit widerverfahren wurde, kann man ebenfalls bejahen. Aber wohl nur bei den allerwenigsten Kambodschanern hat sich heute ein innerliches Gefühl der Befriedigung oder Genugtuung eingestellt – ganz im Gegenteil, die überwältigende Mehrheit hat sich für das Urteil gar nicht mehr interessiert. Das ist schade, ist aber die zwingende Konsequenz, wenn eine tatsächliche Auseinandersetzung mit diesem gewaltigen Erbe (jenseits akademischer Sphären) durch die Regierung bekämpft wird, weil die Auslegung der Geschichte im Sinne der herrschenden Elite erfolgen muss.

Deswegen laufen noch heute viele mittlere und untere Kader der Khmer Rouge frei herum. Und allein die verbale Lossagung von den begangenen Verbrechen hat es einigen von ihnen ermöglicht, bis heute höchste Staatsämter zu bekleiden. Auch wenn es zur Staatsraison gehört, sie eben nicht anzuklagen, wären ihre Aussagen als Zeugen sehr wertvoll gewesen. Dass sie dazu nicht bereit gewesen sind und die Macht hatten, sich zu widersetzen – das ist ein weiterer Schlag ins Gesicht der Opfer und überlebenden Angehörigen.

Ein Ort unermesslichen Leids: Gegen diesen Baum schleuderten die Khmer Rouge-Mörder Babys und Kleinkinder, bis sie tot waren. Zu Dutzenden, zu Hunderten. Weil Munition kostbar und teuer war. Der sogenannte Chankiri Baum („Killing Tree“) steht in der Gedenkstätte Choeung Ek nahe Phnom Penh – ein Ort, der das Blut in den Adern gefrieren lässt, der einem die Luft zum Atmen nimmt, an dem es keine Hoffnung gibt. Außer, dass so etwas niemals wieder geschehen darf. Foto: Karbaum

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EU präzisiert Verfahren

Die Delegation der Europäischen Union in Kambodscha hat am Montag nähere Angaben zum Verfahren zur Aussetzung von EBA veröffentlicht. Die Annahme, dass Handelskommissarin Cecilia Malmström eine bereits getroffene Entscheidung der Kommission ventiliert habe, ist somit widerlegt. Die kambodschanische Regierung wird also genug Zeit – mindestens ein Jahr – haben, um die Aussetzung mit entsprechenden politischen Schritten abzuwenden. Klar ist aber nun, dass es der EU ernst ist. Offen bleibt dagegen, was Frau Malmström umtrieben hat, sich derart ungeschickt auszudrücken. (Quelle: European Union Delegation tot he Kingdom of Cambodia)

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EBA soll ausgesetzt werden

Auch EU-Kommissare bloggen. Könnte man als Petitesse abtun, vor allem, wenn man mit „I’m in beautiful Innsbruck, Austria, where we have had an informal Ministerial meeting today“ einsteigt, wie es die für den Handel zuständige Cecilia Malmström am Freitag tat. Das wäre aber voreilig, denn sie informierte über einen bisher einmaligen Vorgang: Die Suspendierung der Handelspräferenzen  für Kambodscha unter „Everything But Arms“ (EBA), unter denen das Land bisher zoll- und quotenfrei in die Europäische Union alles außer Waffen, Waffenteilen und Munition exportieren darf. Sie schreibt:

“With Cambodia, we are a step further in the process. Many of the issues here date back several years, and in some cases the country has gone backwards. The elections in July of this year – coming after our EU mission to the country – were marked by harassment and intimidation, as well as severe restrictions when it comes to essential political rights. Today, High Representative Federica Mogherini and I have therefore notified Cambodia that we are launching the process for the withdrawal of their Everything But Arms preferences. Without clear and evident improvements on the ground, this will lead to the suspending of the trade preferences that they currently enjoy.”

Was bisher höchstens theoretisch denkbar war, dürfte also bald Realität werden. Auch wenn vor einigen Monaten eine offizielle Untersuchung eingeleitet worden war und deswegen eine EU-Delegation im Juli in Phnom Penh vorstellig wurde, hielt man diesen Schritt noch für unwahrscheinlich. Autokratische Systeme gibt es andernorts schließlich auch, politisch motivierte Gewalt wird im Vergleich zu anderen undemokratischen Staaten kaum ausgeübt, es gibt keine Todesstrafe, und selbst die Anzahl politisch Gefangener beschränkte sich in den letzten Jahren stets auf deutlich weniger als 50 Personen. Dagegen schien die Aussetzung der EBA als Ultima Ratio, die man vielleicht erwägen sollte, wenn etwa Massendemonstrationen in Phnom Penh gewaltsam niedergeschlagen würden.

Außerdem wurde immer darauf hingewiesen, dass EBA wesentlich zum Erhalt der Bekleidungsindustrie beiträgt, die immerhin rund 700.000 Arbeitsplätze für geringqualifizierte Beschäftigte (90% sind Frauen) bereithält. Die würden zwar nicht alle wegfallen, aber wie viele letztendlich erhalten bleiben, ist zurzeit noch völlig unklar. Die Bekleidungsindustrie ist wie kaum eine andere unabhängig von Produktionsstandorten, da die Maschinen problemlos demontiert und woanders schnell wieder aufgebaut werden können. Wenn eine Fabrik von einem Land in ein anderes verlagert wird, wäre die Produktion nur wenige Wochen unterbrochen. Und die Bereitschaft für zügige Verlagerungen ist ausgeprägt, schließlich wird in der Branche knallhart kalkuliert.

Ob die Arbeitslosigkeit demnächst rapide ansteigt, ist dennoch nicht zu erwarten. Es könnte nämlich noch deutlich schlimmer kommen: Viele Frauen könnten gezwungen sein, prekäre Beschäftigungsverhältnisse einzugehen, etwa im Bauwesen oder in der Landwirtschaft, wo die Gefahr der Ausbeutung ungleich höher ist. Sicherlich werden zehntausende versuchen, das Land zu verlassen, was wiederum Menschenhändler auf den Plan rufen wird. Insgesamt wird die Armut wieder steigen, schließlich versorgen die Näherinnen in aller Regel ihre Familien inklusive der eigenen Eltern. Hier scheint neues Elend also vorprogrammiert zu sein.

Es sind also viele Gründe, insbesondere soziale Aspekte, die gegen die Suspendierung sprechen. Handelt die EU, in die mit 5,8 Mrd. US-Dollar 40% aller kambodschanischen Exporte gehen, also verantwortungslos? Nein, denn noch hat die kambodschanische Regierung genügend Zeit und Möglichkeiten, den GAU abzuwenden. Und schließlich will die EU kein Embargo über Kambodscha verhängen, sondern eine Subvention aussetzen, die vielen anderen Staaten nicht gewährt wird. Außerdem ist es legitim, Beihilfen an Bedingungen zu knüpfen, zumal Kambodscha vor fast genau 27 Jahren durch die Pariser Friedensverträge eine international garantierte Regelung zur Nachbürgerkriegsordnung einging, die das Regime seitdem mehrfach massiv gebrochen hat. Und bisher hatte die EU bei den vielen Verfehlungen Hun Sens – Putsch, Ermordung politischer Kontrahenten, Wahlbetrug, Verfolgung von Oppositionspolitikern – immer mindestens ein Auge zugedrückt. Von unverhältnismäßiger Strenge oder westlicher Überheblichkeit im Umgang mit einem unterentwickelten kleinen Land kann man daher jedenfalls nicht sprechen.

Klar wird das in der Regierung anders gesehen, gerade weil Kambodscha das einzige „Least Developed Country“ ist, das nun von EBA entkoppelt werden soll. Doch für die EU steht selbst zurzeit viel auf dem Spiel, und in Zeiten von Brexit, Putins Muskelspielen und Trumpscher Brachialpolitik will man offenbar Durchsetzungsfähigkeit beweisen und nicht als kraftloser Papiertiger erscheinen. Dass sich Kambodscha in den letzten Jahren ziemlich freiwillig in ein enormes Abhängigkeitsverhältnis zur Volksrepublik China begeben hat, ist dabei nicht völlig irrelevant. Wenn denn schon Kambodscha  nach Pekings Pfeife tanzen möchte, dann ist es wirklich schwer zu begründen, dass die EU dafür kostenlos den Ballsaal stellen soll.

Dabei kann Premierminister Hun Sen alles noch abwenden. Kambodscha ist ein Präzedenzfall, die Abläufe zur Aussetzung von EBA nach der Verordnung (EG) Nr. 980/2005 wurden bisher noch nie angewandt. Auf keinen Fall wird sie vor Mai 2019 ausgesetzt, was dem Langzeitautokraten noch etwas Aufschub gibt. Doch er sollte sich beeilen, denn schon alleine mit der Aussicht auf wirtschaftliche Widrigkeiten dürfte das Misstrauen in den Standort Kambodscha ab sofort wachsen. Während der unmittelbare finanzielle Vorteil von EBA mit 700 Mio. US-Dollar im Jahr beziffert wird, sind die indirekten Folgen noch gravierender: Ausländische Direktinvestitionen dürften zurückgehen, die Immobilienpreise sinken. Der Staatshaushalt müsste sich auf sinkende Einnahmen einstellen, außerdem dürften die Anreize zur Kapitalflucht zunehmen, der Schuldenstand wachsen.

Ob Hun Sen aber über seinen Schatten springen wird, ist dennoch unwahrscheinlich (aber es war ja auch bisher kaum denkbar, dass EBA ausgesetzt werden könnte). Und er müsste sehr hoch springen und zumindest die Opposition wieder zulassen und Neuwahlen ansetzen – also weit mehr, als nur einige politische Gefangene freizulassen wie in den letzten Wochen getan. Der Gesichtsverlust wäre enorm, der Machtverlust nahe. Den wird er aber niemals hinnehmen, und so wird er wohl oder übel nach alternativen Lösungen suchen müssen. Vielleicht wird er die Aussetzung von EBA als westliche Verschwörung verurteilen und in China um finanziellen Ausgleich bitten. Sollte das nicht reichen und „sein“ Volk unzufrieden werden, wird er sich darauf konzentrieren müssen, aufkommenden Protest im Keim zu ersticken.

Was aber dann darauf hinausläuft, dass die Aussetzung nicht nur vorrübergehend sein könnte.

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Kem Sokha vom Gefängnis in den Hausarrest

Die Wahlen sind längst im Sinne der regierenden Cambodian People’s Party (CPP) gelaufen und auch Hun Sen ist mittlerweile von der Nationalversammlung als Premierminister wiedergewählt worden – da kann man durchaus großzügig sein! Nachdem bereits Tep Vanny mit drei weiteren Aktivisten und 14 zu langen Haftstrafen verurteilte Parteimitglieder der aufgelösten Opposition begnadigt worden waren, wurde nun auch deren ehemaliger Präsident Kem Sokha unter strengen Auflagen aus dem Gefängnis entlassen. Er befindet nun de facto in Hausarrest und darf das Land selbstredend nicht verlassen. Zuvor befand er sich genau ein Jahr und eine Woche in Untersuchungshaft wegen angeblichen Hochverrats. Hun Sen gab nun an, dass sein Widersacher aus gesundheitlichen Gründen entlassen worden sei. Kem Sokha droht nichts desto trotz weiterhin eine Gefängnisstrafe von 30 Jahren – nur weil er gewillt war, Hun Sen in Parlamentswahlen herauszufordern und bestenfalls als Regierungschef abzulösen.

Auch unabhängig davon gibt es keinerlei Anlass, Hun Sen nun für die Geste der Entspannung zu gratulieren. Wer zahlreiche Menschen nur deswegen wegsperrt, weil sie ihre in der Verfassung verankerten Rechte auf Meinungsfreiheit und politische Teilhabe wahrnehmen, begeht selbst Verbrechen und muss zur Rechenschaft gezogen werden. Auf der politischen Ebene wäre nur dann ein fairer Ausgleich erzielt, wenn

  • die Cambodia National Rescue Party (CNRP) wieder zugelassen und das Politikverbot gegen 118 ihrer Führungskräfte aufgehoben wird
  • die Anschuldigungen gegen Kem Sokha fallengelassen und sämtliche Verurteilungen gegen Ex-Präsident Sam Rainsy aufgehoben werden
  • alle 2017 gewählten Gemeinderatsmitglieder der CNRP wieder in ihre Ämter zurückkehren können
  • die im Februar 2018 stattgefundenen indirekten Senatswahlen annulliert und mit den CNRP-Kommunalpolitikern wiederholt werden
  • die Parlamentswahlen vom Juli 2018 annulliert und wiederholt werden, nachdem die CNRP in die Lage versetzt wurde, wieder einen landesweiten Wahlkampf zu organisieren
  • die im Juli 2018 gewählten Abgeordneten von ihren Mandaten entbunden und zur Überbrückung die fünfte Legislaturperiode mit den 55 Abgeordneten der CNRP verlängert wird
  • die 2017 vorgenommenen antidemokratischen Änderungen im Wahlgesetz rückgängig gemacht werden
  • sämtlichen zu Unrecht inhaftierten Personen eine adäquate Entschädigungen gezahlt wird.

Solange das nicht passiert (und es wird nicht passieren), gibt es keinen Grund, den internationalen Druck auf Hun Sen zu lockern. So wird sich das Europaparlament in den nächsten Tagen – man möchte sagen: schon wieder – mit der innenpolitischen Lage Kambodschas beschäftigen. Die Suspendierung von Handelserleichterungen, durch die Kambodscha einen jährlichen monetären Vorteil von knapp 700 Mio. US-Dollar erzielt, dürfte weiter auf der Tagesordnung bleiben. Auch wenn ihr Bestand eher gesichert ist, bleibt die Frage, ob Hun Sen es sich wirklich leisten kann, die aktuelle Situation einfach auszusitzen. Immerhin dürfte er sich durch das Telegramm von Angela Merkel (was es heute noch alles gibt!) in seinem generellen Vorgehen bestärkt fühlen.

Innenpolitisch war es ernüchternd zu sehen, dass Hun Sen keine relevanten Änderungen an seinem Kabinett vorgenommen hat. Lediglich Aun Porn Moniroth (Wirtschafts- und Finanzminister), Prak Sokhon (Außenminister) und Chea Sophara (Minister für Landmanagement) erhalten den zusätzlichen Rang eines von zehn stellvertretenden Premierministern. Ansonsten nur Stillstand, von einem Generationenwechsel keine Spur – selbst der greise Heng Samrin darf weiter als Präsident der Nationalversammlung, die eigentlich zu einem Parteiorgan degeneriert ist, amtieren. Lediglich die Beförderungen von Vong Pisen zum Kommandeur der kambodschanischen Streitkräfte und von Hun Manet, Hun Sens ältestem Sohn, zum Stabschef und damit zur militärischen Nummer 2, fallen etwas aus dem Rahmen der Erstarrung.

Gutes Stichwort: Die innerliche Erstarrung undemokratischer Regime kennzeichnet häufig die erste Phase ihres Untergangs. In Kambodscha dürfte es bis dahin aber länger dauern als manche hoffen.

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Kambodschas Rückkehr zum Ein-Parteien-Staat

Nach der Bekanntgabe des Ergebnisses der Parlamentswahlen vom 29. Juli führt an der Erkenntnis, dass Hun Sen Kambodscha erfolgreich in einen Ein-Parteien-Staat umgewandelt hat, kein Weg mehr vorbei. Seine seit 1979 regierende Cambodian People’s Party (CPP) erhielt 76,8 Prozent aller Stimmen und wird – da das Wahlsystem große Parteien deutlich bevorzugt – in der kommenden Legislaturperiode alle 125 Mandate der Nationalversammlung auf sich vereinen (die Wahlbeteiligung lag bei 83%). Außerdem stellt die CPP 59 von 61 Senatoren sowie sechs der neun Mitglieder des Verfassungsrats (in beiden Institutionen werden die restlichen Mitglieder vom König ernannt); ferner kontrolliert sie 1.644 der 1.645 Gemeinderäte, in denen 95% aller Mitglieder der CPP angehören, und stellt fast alle Distrikt- und Provinzräte. Das alles wäre natürlich nicht möglich, wenn das Regime im November 2017 die populäre Cambodia National Rescue Party (CNRP) nicht aufgelöst hätte.

Vielleicht bedauert Hun Sen selbst ein wenig, dass im künftigen Parlament kein einziger Vertreter einer anderen Partei sitzen wird. Ein oder zwei Dutzend Pseudo-Oppositionspolitiker, die seinen Machtanspruch niemals in Frage stellen würden, hätten seine hegemoniale Stellung – nämlich nun auch formal im Alleingang die Verfassung ändern zu können – nicht im Mindesten tangiert. Die müssen nun aber anders belohnt werden: Mit der Etablierung eines sogenannten Konsultationsforums soll offiziell ein politischer Dialog zwischen dem Regime und den von der Bevölkerung als Ampil Ampik (Glühwürmchen) verspotteten Kleinstparteien etabliert werden. Tatsächlich dient dieses in der Verfassung gar nicht vorgesehene Gremium allein der Alimentierung der 16 in das Forum berufenen Parteiführer (drei lehnten ab), die allesamt Rang und Besoldung eines Ministers oder Seniorministers erhalten.

Mit den diesjährigen Parlamentswahlen ist Kambodschas Umbau in einen Ein-Parteien-Staat abgeschlossen. Eine vergleichbare Situation gab es schon in den 50er- und 60er-Jahren unter Norodom Sihanouk: Auch damals wurde gewählt, aber Sihanouks Partei Sangkum dominierte den Staat nach Belieben. Der gravierende Unterschied war allerdings, dass Sihanouk das gesamte politische Spektrum in der Sangkum von rechtsgerichteten Militärs (vor allem Lon Nol) bis zu späteren Rote Khmer-Kämpfern (allen voran Khieu Samphan) abbildete. Hun Sen dagegen hat divergierende politische Strömungen stets aufs äußerste bekämpft anstatt diese zu integrieren. Insofern repräsentiert er als Autokrat viel weniger die Nation als es sein legendärer Vorgänger vermochte. Dass Hun Sen sich dennoch mitunter als politischen Erben Sihanouks inszeniert, ist daher nicht mehr als ein Treppenwitz der Geschichte.

Gleichwohl steht er nun auf dem Höhepunkt seiner politischen Karriere. Aber vom Gipfel geht es bekanntlich nur noch bergab.

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Parlamentswahlen: Erwarteter Erdrutschsieg für Hun Sen’s CPP

Die Auflösung der Opposition hat sich vorerst ausbezahlt: Unbestätigten Angaben zufolge errang die regierende Cambodian People’s Party (CPP) in den Parlamentswahlen astronomische 114 der 125 Mandate. Der royalistische Front Uni National pour un Cambodge Indépendant, Neutre, Pacifique, et Coopératif (FUNCINPEC) soll zukünftig mit sechs, die League for Democracy Party (LDP) mit fünf Abgeordneten in der Nationalversammlung vertreten sein. Die Wahlbeteiligung lag bei 82,2%. Auch wenn es am Wahltag oberflächlich friedlich blieb, sollen Menschen landesweit massiv eingeschüchtert und bedroht worden seien, um an den Wahlen teilzunehmen. Führende Politiker der im November 2017 aufgelösten Cambodia National Rescue Party (CNRP) hatten vom Ausland aus zu einem Wahlboykott aufgerufen.

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Die deutsche Perspektive auf Kambodscha vor den Parlamentswahlen

Am Sonntag wählen die Kambodschaner ein neues Parlament, und der Sieger steht mit Hun Sen vorher schon fest. Das Netz ist zurzeit voll mit Analysen und Kommentaren, die – wenn sie denn unabhängig zustande gekommen sind – sich häufig nicht wesentlich voneinander unterscheiden. Was bisher weitgehend unbeachtet geblieben ist (in den englischsprachigen Medien sowieso), ist die deutsche Perspektive, denn die politische Konfrontation in Kambodscha ist mittlerweile auch in der Bundesrepublik angekommen. Am kommenden Samstag wird sie an prominenter Stelle wieder öffentlich sichtbar: In Berlin wird erst vor der kambodschanischen Botschaft, später vor dem Kanzleramt und dem Brandenburger Tor demonstriert. Organisator ist das „Netzwerk für Demokratie in Kambodscha“, das in regelmäßigen Abständen Veranstaltungen und Kundgebungen auf die Beine stellt, die den Autokratisierungstrend unter Hun Sen thematisieren.

Doch längst hat sich eine Gegenbewegung gebildet, die von der regierenden Cambodian People’s Party (CPP) gesteuert wird. Deren Deutschland-Vorsitzende ist die Botschafterin Sopharath Touch, die außerdem auch in Ungarn, Polen, Slowenien und der Slowakei akkreditiert ist. Sie repräsentiert nicht nur offiziell Kambodscha, sondern ist eben auch parteipolitisch aktiv. Im September 2017 gab es beispielsweise eine als Benefiz-Gala getarnte CPP-Veranstaltung im süddeutschen Wellendingen (Landkreis Rottweil), an der auch Hun Sens ältester Sohn Hun Manet teilnahm. Ein Polizeiaufgebot sicherte damals den VIP vor den Demonstranten – vielleicht war es aber auch umgekehrt, da er nicht ohne mehrere Leibwächter nach Deutschland eingereist war.

Weitere bekannte CPP-Politiker in Deutschland sind Setha Top aus Stuttgart und Chanvann Muth aus Frankfurt/Main. Wie das Netzwerk für Demokratie betreibt die CPP aktive Lobbyarbeit bei politischen Entscheidungsträgern, was durchaus legitim ist. Problematisch ist dabei, dass einige (Deutsch-)Kambodschaner, die sich für Demokratie und Meinungsfreiheit einsetzen, berichten, aufgrund ihres Engagements bedroht zu werden. Auch wenn dies bisher keine strafrechtlichen Konsequenzen nach sich gezogen hat, sind die Muster – siehe Türkei unter Erdogan – weder unbekannt noch unwahrscheinlich (und beispielsweise in Australien unter Exil-Kambodschanern schon sehr viel konkreter geworden). Mit Blick auf Angehörige in Kambodscha dürfte es sich jedenfalls jeder (potentielle) Regimekritiker selbst im sicheren Deutschland mindestens zweimal überlegen, ob – und wenn ja wie deutlich – er oder sie gegen Hun Sen öffentlich Stellung bezieht.

Auch die politischen Stiftungen geraten zunehmend ins Visier des Regimes. Am 9. Juli erschien ein kritischer aber sachlich korrekter Artikel zu den anstehenden Wahlen auf der Internetseite der den Grünen nahestehenden Heinrich-Böll-Stiftung. Ali Al-Nasani, der das Stiftungsbüro in Phnom Penh leitet, schreibt darin unter anderem: „Die Wahlen zur Nationalversammlung Ende Juli drohen ohne die Teilnahme der großen Oppositionspartei zur Farce zu werden. Zwar haben sich etliche kleine Parteien zur Wahl registriert, doch gelten sie entweder als regierungsnah oder sind völlig unbekannt.“ Zehn Tage später dann die Überraschung: Die Phnom Penh Post hatte einen kurzen Artikel dazu geschrieben, der hauptsächlich aus einer Tirade des Regierungssprechers Phay Siphan bestand:

“This is an insult and an attack on Cambodian democracy. (…)The election is competitive. The person who wrote this is not correct. He is the one who is blind [regarding] democracy. He doesn’t understand democracy in Cambodia. (…) The claim that the elections will be a farce is an insult to the Cambodian nation. The person who said this is against all Cambodians, not just democracy.”

Dass deutschsprachige Seiten mittlerweile systematisch beobachtet und vom Regime aufgegriffen werden, ist neu und Teil der Offensive gegen jede Form von Kritik. Aber nicht die einzige: Am 23. Juli wurde dann auch die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung in einem peinlichen Pro-Regime-Artikel in der Phnom Penh Post namentlich als Unterstützerin der im November 2017 zwangsaufgelösten Cambodia National Rescue Party (CNRP) erwähnt, was wie bei der Böll-Stiftung für die Zukunft (Stichwort Akkreditierung) nichts Gutes verheißt. Einzig die Konrad-Adenauer-Stiftung, die nach Angaben von Beobachtern vor Ort ihre politische Arbeit seit geraumer Zeit de facto weitgehend eingestellt hat, hat noch nicht den Argwohn des Regimes auf sich gezogen, obwohl sie sich zusammen vor einigen Jahren mit der Naumann-Stiftung für die Erstellung des CNRP-Parteiprogramms – letztendlich erfolglos – engagiert hatte. Vielleicht profitiert sie noch davon, dass 2015 ein Spezialist der CDU (!) die CPP und Hun Sen zur Entwicklung einer Social Media-Strategie beriet – organisiert durch die Adenauer-Stiftung.

Auch bei den offiziellen Stellen ist die Erosion des politischen Pluralismus in Kambodscha das dominierende Thema. Die Bundesrepublik Deutschland, namentlich das Auswärtige Amt, nutzte bisher die eher stillen Kanäle der Diplomatie – was aber im Februar 2018 gründlich schiefging. Eine deutsche Journalistin der Phnom Penh Post, als diese noch regierungsunabhängig berichtete, hatte aus der Antwort einer kleinen Anfrage der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen zitiert. Der Artikel war tendenziös und unvollständig und ließ Deutschland auch sonst gegenüber der Regierung nicht besonders gut aussehen. Zuvor war die Bundesrepublik das einzige EU-Land, das im September 2017 die Verhaftung von Kem Sokha verurteilt, sich öffentlich für seine Freilassung einsetzt und nach der Auflösung der CNRP zu symbolischen Gesten auf der bilateralen Ebene gegriffen hatte. Die bilaterale Entwicklungszusammenarbeit steht bisher nicht zur Disposition, da die Eigeninteressen derjenigen, die diese betreiben, überwiegen und sich selbst von Kritik aus Kambodscha wenig beeindruckt zeigen. Das letzte „Ländergespräch Kambodscha“ im April 2018 im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung schloss Anwesenden zu Folge jedenfalls mit dem Tenor, an der bilateralen Kooperation festzuhalten, um „China und Russland“ nicht komplett das Feld zu überlassen (wohl dem, dem solche Ansprüche an die tägliche Arbeit genügen). Zur Erinnerung: Die aktuelle Zusage Deutschlands an Kambodscha für die bilaterale Kooperation 2017/2018 beträgt 36,8 Millionen Euro.

Blieben noch die wirtschaftlichen Interessen jenseits der Entwicklungshilfe. Deutschland ist mittlerweile Kambodschas drittgrößter Absatzmarkt dank der Möglichkeit, zoll- und quotenfrei in die EU nach der Regelung „Everything But Arms“ (EBA) zu exportieren. Dass diese angesichts der politischen Entwicklungen in Kambodscha mittlerweile in Frage gestellt wird, sagt schon einiges über die aktuellen Beziehungen aus. Aber so weit wird es wohl nicht kommen, jedenfalls wäre die Suspendierung der EBA das allerletzte Mittel – und dafür ist (Gott sei Dank) noch nicht genug Schlimmes passiert. Eine politische Eskalation wiederum wird aber ganz sicher dann auch eine wirtschaftliche Dimension umfassen, was vor allem die deutschen (und wohl auch sonstigen europäischen) Unternehmer in Kambodscha dringend vermeiden wollen. Die European Chamber of Commerce und der Arbeitskreis Deutsche Wirtschaft – denen der Autor dieses Textes angehört – haben sich in der Vergangenheit jedenfalls politisch sehr zurückgehalten – wohlwissend, was den Geschäften schadet und was ihnen nützt. Wer meint, dies sei egoistisch und würde letztendlich nur dem Regime dienen: Die geschaffenen Arbeitsplätze deutscher Unternehmer vor Ort und die Folgen der Wertschöpfung kommen unmittelbar den Kambodschanern zu Gute, während sie von der offiziellen Entwicklungshilfe und dem Engagement von Nichtregierungsorganisationen oft nur mittelbar profitieren.

Vielleicht eint alle die Hoffnung, dass sich die politische Lage nach den Wahlen wieder beruhigt. Noch ist es aber zu früh, das als sicher vorherzusagen. Ob Deutschland seine Haltung zu Kambodscha weiter auf den Prüfstand stellen muss, wird jedenfalls fast ausschließlich von einem Mann bestimmt, der am Samstag in Berlin angeprangert und am Sonntag in Kambodscha siegen wird.

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