Grenzenlose Gier oder warum wir Kambodscha Entwicklungshilfe zahlen

Kambodscha ist kein extrem armes Land mehr, zumindest offiziell: Seit Juli wird es bei der Weltbank als sogenanntes „Lower Middle Income Country“ geführt, weil das Bruttoinlandsprodukt mittlerweile die Schwelle von 1.025 USD pro Kopf und Jahr überschritten hat. Solche statistischen Werte können aber letztendlich nicht viel heißen, man muss sich nur im Land umschauen: Armut ist in Kambodscha nach wie vor allgegenwärtig.

Die Hauptverantwortung dafür, lässt man einmal das Erbe der Roten Khmer unberücksichtigt, trägt zweifelsohne eine Regierung, deren Gier praktisch keine Grenzen kennt und ein Ausmaß an Korruption produziert hat, das zumindest für einen formal-demokratisch verfassten Staat weltweit seines Gleichen sucht und sich jeglichen Superlativ verdient hat (woanders muss man sein Volk viel stärker knechten, um das Geld so aus ihm herauszupressen). Dazu nur das aktuellste Beispiel: Kambodschas Exportstatistik gibt an, zwischen 2007 und 2015 insgesamt 2,8 Mio. Tonnen Sand nach Singapur exportiert und  damit 5,5 Mio. US-Dollar erlöst zu haben. In Singapur, weltbekannt für seine Transparenz und wirksamen Anti-Korruptions-Mechanismen, wiederum kommt man auf ganz andere Zahlen: Es seien im besagten Zeitraum aus Kambodscha 72,7 Mio. Tonnen Sand im Gegenwert von 752 Mio. US-Dollar importiert worden. Mit anderen Worten: In Kambodscha hat der Zoll (bis 2013 unter Aufsicht von Handelsminister Cham Prasidh, einer der engsten Gefolgsmänner von Premierminister Hun Sen) nur 0,7 Prozent des tatsächlichen Wertes erfasst – alles andere wurde durchgewinkt.

Mal abgesehen davon, dass der Sandabbau erhebliche Umweltschäden verursacht: Durch entgangene Einnahmen bleiben dringend erforderliche Investitionen in die Infrastruktur auf der Strecke, fehlt es Kambodschas Schulen und Gesundheitseinrichtungen an dringend benötigtem Equipment, sind weiterhin breite Bevölkerungsschichten von der wirtschaftlichen Erholung des Landes abgeschnitten – damit sich die Schergen des Regimes protzige Villen, Luxusautos und anderen obszönen Schnickschnack zur öffentlichen Zurschaustellung ihres Status leisten können. Mit anderen Worten: Mit Entwicklungshilfe springen wir in eine Bresche, die erst durch die bewusste und systematische Umverteilung öffentlicher Güter in die Taschen einzelner entstehen.

Es ist nicht so, Entwicklungstransfers – unabhängig davon, ob sie aus China, der EU oder sonstwo herkommen – lediglich als überflüssig und verzichtbar kritisieren zu müssen. Es handelt sich vielmehr um eine strukturelle Schieflage, die bestehende Probleme verfestigt anstatt löst. Denn großzügige internationale Unterstützung entlässt die kambodschanische Regierung wesentlich aus der Eigenverantwortung, ein einheitliches Steuer- und Abgabensystem zu etablieren. Einnahmen, mit denen sie wiederum eigene Krankenhäuser (erst in der letzten Woche wurde in Phnom Penh ein japanisches Hospital feierlich eröffnet) bauen und effiziente Hochschulen – das Gegenteil ist der Fall – unterhalten könnte.

Ein Umdenken ist leider nicht in Sicht, ganz im Gegenteil: Im Mai gab die Weltbank bekannt, sich nach einer fünfjährigen Unterbrechung wieder in Kambodscha engagieren zu wollen – mit einem Volumen in Höhe von 130 Mio. US-Dollar. Dagegen erscheinen die 10.000 US-Dollar, die die Bundesrepublik Deutschland der kambodschanischen Regierung spendiert, um gemeinsam eine Studie über Korruption zu erstellen, aufgrund des hohen Symbolwerts eher wie eine nebensächliche Peinlichkeit.

Aber vielleicht wird es doch interessant: Was wohl dabei rauskommt, wenn man den Bock zum Gärtner macht?

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Eine Antwort zu Grenzenlose Gier oder warum wir Kambodscha Entwicklungshilfe zahlen

  1. Wagner, Matthias schreibt:

    Genau so ist es!

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