Mindestlohn und Unterstützung der Familie

12. September 2010 | Von Alfred Wilhelm Meier | Keine Kommentare »

In der “Phnom Penh Post” vom Freitag, 10. September 2010 werden im Hinblick auf den bevorstehenden Streik in der Textilindustrie die Probleme um den Mindestlohn in Kambodscha beleuchtet.

Im vergangenen September kam das Cambodian Institute of Development Study in einer Analyse zum Schluss, dass der ideale Mindestlohn für die Textilbranche $ 71,99 im Monat betragen müsste. Die Studie interviewte 300 Näherinnen in  74 Fabriken aus fünf Provinzen. In den 71.99 $ sei mindestens ein Betrag von 15 $ mit ein berechnet, der jeden Monat als Unterstützung an Familienangehörige gehe.

Sun Seak Lay teilt sich ein enges Steinhäuschen im Phnom Penh Meanchey Viertel mit vier anderen jungen Frauen, von denen jede 12 Stunden sechs Tage die Woche als Näherinnen arbeitet; sie können sich kaum was leisten, um sich selbst zu ernähren. Nachts schlafen drei von ihnen auf einer hölzernen Plattform, die anderen beiden auf dem Fußboden.

Wie viele ihrer Arbeitskolleginnen, schicken die Näherinnen einen großen Teil ihres Lohnes an ihre Familie; sie behalten gerade soviel, damit sie essen, wohnen und zur Arbeit fahren können.

“Manchmal gebe ich nur 500 Riel für eine Mahlzeit aus, die dann wie Wasser schmeckt “, sagte die eine, “aber ich esse, damit ich beim Arbeiten gerade mal überleben kann.”

Nach dem Abitur im Alter von 12 Jahren arbeitete Sun Seak Lay während vier Jahren im Reisfeld ihrer Eltern in der Provinz Kandal. Dann ging es in die Hauptstadt, um in einer Fabrik zu arbeiten, mit dem klaren Hauptziel ihre Familie zu unterstützen und sicher zu stellen, dass ihre neun Geschwister weiterhin in der Schule gehen können.

Zurzeit beläuft sich ihr Grundgehalt auf ca. 53 $ pro Monat; sie verdient zusätzlich mit Überzeitarbeit bis zu $ 30  im Monat. Sie schickt den Gegenwert ihrer Überstunden nach Hause zur Aufbesserung des landwirtschaftlichen Einkommens ihrer Grossfamilie.

Eine ihrer Mitbewohnerinnen, die den gleichen Lohn verdient, schickt jeden Monat zwischen 40 und 50 $ an ihre Familie in der Provinz Kandal. Für sie selbst bleiben dann um die 20 $ im Monat für Essen, Wasser, Strom und Miete.

In Juli beschloss das Labour Advisory Committee, ein Gremium aus Vertretern der Regierung, der Arbeitgeber und -nehmer der Textilindustrie, den Mindestlohn auf $ 61 pro Monat  anzuheben. Der Anstieg, der erste seit 2006, fällt weit unter die von vielen  Gewerkschaften geforderten $ 93.

Sowohl Sun Seak Lay Kong und ihre Kollegin betonen, dass die für den kommenden 1. Oktober bewilligte Erhöhung zu gering ausfallen würde, um einen spürbaren Einfluss auf ihr Leben zu haben, zum großen Teil wegen der hohen Rücküberweisungen an ihre Familien, zu denen sie sich verpflichtet fühlten. Eigentlich sei es egal, wie hoch der Mindestlohn ausfalle, sie müssten so oder so den Grossteil nachhause schicken. Selbst wenn der Lohn auf 90 $ ansteige, würde sie den Anteil für ihre Familie verdoppeln. Unter dem Strich bleibe dann für sie selbst kaum mehr als vorher.

Damit spielen bei den gegenwärtigen Diskussionen um den Mindestlohn diese Unterstützungszahlungen an die Familien eine zentrale Rolle.

Untersuchungen bestätigen nämlich, dass die meisten Textilarbeiterinnen ihr Hauptziel darin erblicken, möglichst hohe Unterstützungsbeiträge für ihre Familie zu erarbeiten. Wenn sie nicht genug verdienen, um Geldüberweisungen nach Hause zu schicken, werden sie ihre Eltern nachhause zurückholen. So muss der Mindestlohn nicht nur die Grundbedürfnisse der Arbeitnehmer, sondern auch ihrer Angehörigen abdecken.

Auch ein Mindestlohn von 61 $ wird diese Grundproblematik nicht lösen können. Eigentlich  kann eine Textilarbeitern mehr oder weniger gut mit dem Mindestlohn leben, wenn sie niemanden unterstützen muss. Die Meinungen gehen daher weit auseinander, ob ein Mindestlohn auch Zahlungen an die Familie einbeziehen sollte.

Die Arbeitgeber sehen dieser Auseinandersetzung eher gelassen entgegen. Jeder Jahr kommen in Kambodscha um die 250’000 neue Arbeiter und Arbeiterinnen auf den Arbeitsmarkt. Und die kambodschanische Textilindustrie, die weitaus der grösste Arbeitgeber in Kambodscha ist, weist nur gut 300’000 Arbeitende auf.

Damit dürfte wenigstens in den kommenden Jahren sicher gestellt sein, dass die Mindestlöhne kaum stark ansteigen werden, denn wo sonst als in der Textilindustrie sollen diese neuen Arbeitskräfte denn unter kommen?

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