Nachtrag zur Massenpanik: Die große Verantwortung des Premierministers und das fragwürdige Verhalten des Königs

28. November 2010 | Von Markus Karbaum | Keine Kommentare »

Chea Kean, stellvertretender Generalsekretär des Festivalkomitees der kambodschanischen Regierung, hat angekündigt, dass es trotz der Massenpanik mit 347 Toten im nächsten Jahr wieder ein Wasserfestival geben werde. Das Fest sei eine alte Tradition und werde wieder wie gewohnt durchgeführt, obwohl es noch zu früh sei um abschätzen zu können, ob wieder so viele Gäste nach Phnom Penh kämen. Wie AFP weiter berichtet, soll bereits in der kommenden Woche ein vollständiger Bericht über die Tragödie veröffentlicht werden.

Sorgen um die Anzahl der Besucher im kommenden Jahr, umfassende Berichte, wofür andere Länder im Bestreben nach Sorgfalt oft Monate brauchen – Kambodschas Offizielle geben auch nach der Tragödie ein miserables Bild ab. Langsam werden die Rufe lauter, die danach fragen, wer eigentlich für die Vorkommnisse verantwortlich sei. Ins Zentrum der Kritik stehen vor allem Phnom Penhs Gouverneur Kep Chuktema und der Polizeichef der Hauptstadt Touch Naroth, die beide eine eigene Verantwortlichkeit für die Tragödie ablehnen. Sowohl Kep als auch Touch gehören dem Gefolge von Premierminister Hun Sen an und dürften von sich aus die Verantwortung wohl auch nicht übernehmen, solange ihr Patron dies nicht verfügt. So gerät auch der Regierungschef in den Fokus der Kritiker, die schon über seine vergossenen „Krokodilstränen“ argwöhnten.

Ouk Vanna, Wissenschaftler und Mitglied der königlichen Akademie, hat gegenüber Radio Free Asia einige dieser strukturellen Zusammenhänge sehr treffend beschrieben: Zum einen sei ein Mangel von Fachwissen und Expertise der Sicherheitskräfte verantwortlich, dass nicht nur dieses Wasserfestival, sondern auch alle anderen davor völlig planlos organisiert worden seien. Neben den schweren Mängeln in der Gefahrenabschätzung und in der Einsatzplanung und die sichtbare Überforderung der Polizisten aufgrund fehlender Führung kritisiert Ouk aber vor allem das Selbstbild der Sicherheitskräfte, ihren Mangel an Moral, Gewissen und Disziplin. Straßensperren rund um das Wasserfestival seien auch in diesem Jahr wieder mehrheitlich als private Mautstationen missbraucht worden, an denen Fahrzeuge nicht abgehalten wurden, sondern gegen Zahlungen über 2,5 USD bis 5 USD passieren durften.

Es ist eben dieses Verhalten, das nicht nur geduldet wird oder nicht ausreichend in den eigenen Reihen der Polizei geahndet wird, sondern das zum Organisationsprinzip des kambodschanischen Staates gehört. Man kommt nur bei bedingungsloser Loyalität zur regierenden Kambodschanischen Volkspartei und gegen immense Schmiergeldzahlungen in fast alle öffentlichen Positionen und muss monatliche Beträge an Vorgesetzte abführen, die nur über korruptive Praktiken erwirtschaftet werden können. Die korrupten Verkehrspolizisten kassieren also nicht nur für sich selbst ab, sondern auch für ihre Offiziere, die wiederum auch für ihre Kommandeure, und irgendwann endet dieser bergauf rollende Schnellball nach Provinzgouverneuren, Staatssekretären und Ministern an der Spitze der Hierarchie. Dieses System ist das entscheidende Wesensmerkmal des staatlichen Organisationsprinzips Kambodscha, und deswegen richtet sich der Ruf nach Moral, Gewissen und Disziplin an niemand anderen als Hun Sen. Letztendlich war die Massenpanik politisch induziert, und solange sich diese politischen Prinzipien nicht radikal ändern, sind solche Tragödien auch in Zukunft leider weiterhin wahrscheinlich. Mit feudalen Methoden kann man halt keinen modernen Staat regieren!

Deshalb ist der Feststellung der Bangkok Post in einer lesenswerten Analyse ohne Einschränkung zuzustimmen, dass die Tragödie nicht nur vorhersehbar, sondern auch vermeidbar gewesen wäre. Man rufe sich nur noch einmal das Verhältnis von 347 zu 395 Verletzten ins Gedächtnis um zu begreifen, wie brisant die Situation auf der Brücke gewesen sein muss. Oft übersteigt die Zahl der Verletzten die der Toten um ein Mehrfaches, aber in diesem Fall handelte es sich um eine Todesfalle mit fast 50 prozentiger Exituswahrscheinlichkeit. Dazu kursieren Gerüchte, wonach Polizisten – sicherlich unabsichtlich – die Panik sogar noch angestachelt haben dürften, weil sie weder ausgebildet sind noch professionell geführt werden. Die Tragödie schreit also nach Veränderungen und tief greifenden Reformen, die nur einer imstande ist durchzusetzen: Hun Sen. Ob er dazu gewillt ist, muss aufgrund seiner bisherigen politischen Schwerpunktsetzung allerdings eindeutig verneint werden.

Aber es war dann, trotz aller berechtigten Vorwände, doch nicht der Regierungschef, der Anlass für die schärfste Kritik in dieser Woche gab: König Norodom Sihamoni hat sich in einem Moment, in dem sein Volk Beistand und moralischen Halt gesucht hat, praktisch in Luft aufgelöst. Keine Trauerrede, kein Besuch in den Krankenhäusern und schon gar kein Ruf nach umfassender Aufklärung. Lange galt der Machtanspruch Hun Sens als größte Bedrohung für die Monarchie in Kambodscha, aber mittlerweile ist es das Amtsverständnis des Mannes selbst, der auch im siebten Jahr seiner Regentschaft offensichtlich immer noch erhebliche Schwierigkeiten hat, ein wahrhaft königliches Verhalten an den Tag zu legen. Werden ihm von Dritten so starke Fesseln angelegt, dass er selbst als (unpolitische) Symbolfigur nicht mehr auftreten darf? Hat er Berater, die ihm absichtlich zu völlig falschen Verhaltensweisen raten, weil sie eigene politische Ziele verfolgen? Wie auch immer: Sihamoni enttäuscht seine Landsleute maßlos und entwickelt sich zum Grabträger der Monarchie in Kambodscha. Und wohl niemand würde ihn ob seiner Unverbindlichkeit ernsthaft vermissen, dankte er noch heute ab.

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