Lebensgefährliche Spielsucht

Kambodscha verfügt über drei internationale Attraktionen von Weltformat: Während kulturbegeisterte Besucher in Angkor voll auf ihre Kosten kommen, genießen auch jene Männer auf der Suche nach kurzfristigen zwischengeschlechtlichen Beziehungen das Land in vollen Zügen (zweifellos mit all den damit verbundenen Schattenseiten von Menschenhandel und Zwangsprostitution). Für Asiaten ist aber auch die Dichte der Casinos von entscheidender Bedeutung für die Qualität ihres Reiselands, und auch da hat Kambodscha einiges zu bieten. Vor allem die ausladenden Spielstätten in den Grenzstädten locken viele Pendler an, die nur zu diesem Zweck visumsfrei nach Kambodscha kommen. So profitiert Poipet (Provinz Banteay Meanchey) im Westen von Thailands Casino-Verbot, und im Osten lockt Bavet (Svay Rieng) mit zahlreichen Angeboten vietnamesische Spieler mangels eigener Möglichkeiten über die Grenze.

Bekanntermaßen haben viele Asiaten einen weitaus intensiveren Bezug zu Glücksspielen als der Rest der Welt. Da wird schon mal Haus und Hof verzockt, natürlich fast ausschließlich von Männern, die aufgrund patriarchalischer Strukturen familienintern selten mit Konsequenzen zu rechnen haben (abgesehen vom finanziellen Ruin). Wie gefährlich es allerdings ist, seine Spielschulden nicht bezahlen zu können, führen Berichte aus Vietnam auf brutale Art vor Augen: Ein 18-jähriger Spieler, der seinen Wetteinsatz über umgerechnet 3500 US-Dollar geborgt hatte und nicht zurückzahlen konnte, wurde zusammen mit 20 weiteren Gamblern in dem Casino festgesetzt. Seiner Mutter wurde die Zahlungsaufforderung zusammen mit einem abgeschnittenen Finger zugestellt – zumindest einem anderen säumigen Spieler soll sogar ein Ohr abgetrennt worden sein. Da die Familie innerhalb von fünf Tagen das Geld auftreiben konnte, rettete sie damit dem Teenager das Leben: Die Drohung, ihn anstelle des Geldes umzubringen und die Organe nach China zu verkaufen, waren durchaus ernst zu nehmen.

In einem anderen Fall händigte ein vietnamesischer Vater seine 13-jährige Tochter als Pfand für seine Spielschulden aus. Das Mädchen verbrachte mehr als einen Monat im Gewahrsam eines kambodschanischen Casinos, wurde aber Ende Dezember „nach erfolgreichen Verhandlungen zwischen der Familie und dem Casino“ wieder freigelassen. Ihre Peiniger hatten der Großmutter, bei der sie nach der Scheidung ihrer Eltern lebt, gedroht, sie an ein Bordell in Thailand zu verkaufen, falls die Spielschuld von umgerechnet 4750 US-Dollar nicht beglichen würde. Dem Kind soll es nach Angaben seiner Familie schon wieder besser gehen und bereits den Schulbesuch wieder aufgenommen haben.

Dass im Osten Kambodschas viele Casinos in der Hand der vietnamesischen Glücksspielmafia sind, ist kein Geheimnis. Dennoch fragt man sich angesichts dieser Berichte, ob die Spielhöllen bereits ein exterritoriales Gebiet darstellen, in denen kambodschanische Gesetze keine Geltung besitzen. Die zwei Berichte lassen erahnen, dass es eine weitaus höhere Dunkelziffer von Opfern geben muss, die nur in zweiter Linie ihrer Spielsucht erliegen oder – wie im Falle des 13-jährigen Mädchens – mitunter selbst gar nichts mit Glücksspiel zu tun haben. Die Notwendigkeit, dass kambodschanische Sicherheitskräfte, ein mutiger Staatsanwalt oder die Anti Corruption Unit (ACU) diesen Sumpf dringend trockenlegen müssen, machen diese beiden exemplarischen Fälle jedenfalls mehr als deutlich.

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