Kem Sokha vom Gefängnis in den Hausarrest

Die Wahlen sind längst im Sinne der regierenden Cambodian People’s Party (CPP) gelaufen und auch Hun Sen ist mittlerweile von der Nationalversammlung als Premierminister wiedergewählt worden – da kann man durchaus großzügig sein! Nachdem bereits Tep Vanny mit drei weiteren Aktivisten und 14 zu langen Haftstrafen verurteilte Parteimitglieder der aufgelösten Opposition begnadigt worden waren, wurde nun auch deren ehemaliger Präsident Kem Sokha unter strengen Auflagen aus dem Gefängnis entlassen. Er befindet nun de facto in Hausarrest und darf das Land selbstredend nicht verlassen. Zuvor befand er sich genau ein Jahr und eine Woche in Untersuchungshaft wegen angeblichen Hochverrats. Hun Sen gab nun an, dass sein Widersacher aus gesundheitlichen Gründen entlassen worden sei. Kem Sokha droht nichts desto trotz weiterhin eine Gefängnisstrafe von 30 Jahren – nur weil er gewillt war, Hun Sen in Parlamentswahlen herauszufordern und bestenfalls als Regierungschef abzulösen.

Auch unabhängig davon gibt es keinerlei Anlass, Hun Sen nun für die Geste der Entspannung zu gratulieren. Wer zahlreiche Menschen nur deswegen wegsperrt, weil sie ihre in der Verfassung verankerten Rechte auf Meinungsfreiheit und politische Teilhabe wahrnehmen, begeht selbst Verbrechen und muss zur Rechenschaft gezogen werden. Auf der politischen Ebene wäre nur dann ein fairer Ausgleich erzielt, wenn

  • die Cambodia National Rescue Party (CNRP) wieder zugelassen und das Politikverbot gegen 118 ihrer Führungskräfte aufgehoben wird
  • die Anschuldigungen gegen Kem Sokha fallengelassen und sämtliche Verurteilungen gegen Ex-Präsident Sam Rainsy aufgehoben werden
  • alle 2017 gewählten Gemeinderatsmitglieder der CNRP wieder in ihre Ämter zurückkehren können
  • die im Februar 2018 stattgefundenen indirekten Senatswahlen annulliert und mit den CNRP-Kommunalpolitikern wiederholt werden
  • die Parlamentswahlen vom Juli 2018 annulliert und wiederholt werden, nachdem die CNRP in die Lage versetzt wurde, wieder einen landesweiten Wahlkampf zu organisieren
  • die im Juli 2018 gewählten Abgeordneten von ihren Mandaten entbunden und zur Überbrückung die fünfte Legislaturperiode mit den 55 Abgeordneten der CNRP verlängert wird
  • die 2017 vorgenommenen antidemokratischen Änderungen im Wahlgesetz rückgängig gemacht werden
  • sämtlichen zu Unrecht inhaftierten Personen eine adäquate Entschädigungen gezahlt wird.

Solange das nicht passiert (und es wird nicht passieren), gibt es keinen Grund, den internationalen Druck auf Hun Sen zu lockern. So wird sich das Europaparlament in den nächsten Tagen – man möchte sagen: schon wieder – mit der innenpolitischen Lage Kambodschas beschäftigen. Die Suspendierung von Handelserleichterungen, durch die Kambodscha einen jährlichen monetären Vorteil von knapp 700 Mio. US-Dollar erzielt, dürfte weiter auf der Tagesordnung bleiben. Auch wenn ihr Bestand eher gesichert ist, bleibt die Frage, ob Hun Sen es sich wirklich leisten kann, die aktuelle Situation einfach auszusitzen. Immerhin dürfte er sich durch das Telegramm von Angela Merkel (was es heute noch alles gibt!) in seinem generellen Vorgehen bestärkt fühlen.

Innenpolitisch war es ernüchternd zu sehen, dass Hun Sen keine relevanten Änderungen an seinem Kabinett vorgenommen hat. Lediglich Aun Porn Moniroth (Wirtschafts- und Finanzminister), Prak Sokhon (Außenminister) und Chea Sophara (Minister für Landmanagement) erhalten den zusätzlichen Rang eines von zehn stellvertretenden Premierministern. Ansonsten nur Stillstand, von einem Generationenwechsel keine Spur – selbst der greise Heng Samrin darf weiter als Präsident der Nationalversammlung, die eigentlich zu einem Parteiorgan degeneriert ist, amtieren. Lediglich die Beförderungen von Vong Pisen zum Kommandeur der kambodschanischen Streitkräfte und von Hun Manet, Hun Sens ältestem Sohn, zum Stabschef und damit zur militärischen Nummer 2, fallen etwas aus dem Rahmen der Erstarrung.

Gutes Stichwort: Die innerliche Erstarrung undemokratischer Regime kennzeichnet häufig die erste Phase ihres Untergangs. In Kambodscha dürfte es bis dahin aber länger dauern als manche hoffen.

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