14. April, 13.12 Uhr: Kambodscha begrüßt das neue Jahr

13. April 2011

Sursday Chnam Thmey!“ So wünschen sich die Kambodschaner von jeher ein frohes neues Jahr. Am 14. April wird der Gruß wieder millionenfach zu hören sein: Um exakt 13.12 Uhr Ortszeit beginnt das neue Jahr, und zwar das 2555 der buddhistischen Ära. Chol Chnam Thmey heißt das wichtigste Fest des Jahres, was übersetzt soviel heißt wie „Eintritt ins Neue Jahr“. Da sich die Kambodschaner im Übrigen an den chinesischen Tierkreiszeichen orientieren, wird am Donnerstag mit zehnwöchigem Abstand dann ebenfalls das Jahr des Tigers verabschiedet und das des Hasen begrüßt.

Das Neujahrfest beginnt in fast jedem Jahr entweder am 13. oder 14. April und dauert insgesamt drei Tage. In seiner Wichtigkeit ist das Neujahrsfest in etwa mit Weihnachten vergleichbar, und auch in Kambodscha wird es traditionell im Familienkreis gefeiert – natürlich auch mit spirituellen Elementen, die je nach Gläubigkeit der Menschen unterschiedlich intensiv ausfallen. Eben wie in Deutschland: Da besucht auch nicht jeder Christ an Heiligabend das Hochamt.

Im Vergleich zum Okzident, wo Jahreswechsel und Weihnachtsfest nicht zufällig kurz nach der Wintersonnenwende terminiert wurden, untereilen sich die Khmer das Jahr nach anderen klimatischen Gesichtspunkten: Mitte April neigt sich die Erntezeit dem Ende entgegen, eine kleine Ruhephase steht an. Seit Jahrhunderten erfreuen sich die Bauern dieser Tage den Früchten ihrer (Feld-)Arbeit, ehe mit der Regenzeit bald die Setzzeit beginnt und der Zyklus von neuem startet. Anders als in den Nachbarstaaten Burma und Thailand, die zeitgleich das Neue Jahr begrüßen, ist das kambodschanische Neujahrsfest allerdings kein Wasserfest. Das findet in jedem Jahr im November in der Hauptstadt Phnom Penh statt.

Kambodscha ist nach wie vor von großer Armut geprägt. Der rituelle Ablauf, wie er etwa bei Wikipedia beschrieben wird, zielt eindeutig auf besonders gläubige und wohlhabende Kambodschaner ab, denen Zeremonien an allen drei Tagen wichtig sind und die es sich leisten können. Für die überwältigende Mehrheit sieht der Ablauf jedoch deutlich sparsamer aus: Der Besuch einer Pagode findet meist am ersten Tag, dem Maha Songkran, statt, woran sich fast alle Kambodschaner beteiligen. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine einzelne Zeremonie, sondern um eine Art „Tag der offenen Tür“, der morgens anfängt und nachmittags zu Ende geht. Die Gläubigen bringen den Mönchen auch etwas zu Essen mit, aber nicht bloß Reis, Fisch und Früchte, sondern ganze Gerichte – in der Qualität dem festlichen Anlass entsprechend. Die Menschen haben dann die Möglichkeit, selbst zu beten – meist sitzend vor einer Buddhastatue mit tiefen Verbeugungen vor und nach dem Gebet. Dabei danken die Menschen dem heiligen Buddha für das letzte Jahr und bitten um Glück für das kommende. Gewöhnlich werden auch Kerzen und Räucherstäbchen entzündet.

Im Schneidersitz absolvieren die Mönche in der Zwischenzeit ihr eigenes Pensum, das sich mehrere Stunden hinzieht. Die Gebete werden im gemeinschaftlichen Sprechgesang vorgetragen, an denen sich vor allem die ältesten Laien beteiligen. Junge Menschen – abgesehen von den Mönchen selbst – stimmen in aller Regel nicht mit ein. In den Gebeten wird Buddha gehuldigt, um Glück für das kommende Jahr gefleht und den verstorbenen Ahnen gedacht. Nach Ende der Gebete beginnen die Mönche dann zu essen. Allerdings verspeisen sie nicht alles, sondern lassen auch der Sangha, der Gemeinde, genug übrig. Davon profitieren vor allem die Allerärmsten, die so wie an anderen Feiertagen auch ausreichend zu essen bekommen.

Für die meisten Kambodschaner ist es üblich, die wichtigsten Zeremonien mit einem Pagodenbesuch durchzuführen. Aber natürlich kann man es auch ausführlicher machen und etwa rituelle Waschungen des Körpers und der Buddhastatuen vornehmen. Dennoch laufen die Tage zwei, Virak Wanabat, und drei, Tngay Leang Saka, recht ähnlich ab. An den alten festen Ritualen orientieren sich vor allem noch die alten Menschen, nicht nur, weil sie mit ihnen sozialisiert wurden, sondern auch in Vorbereitung auf den nahenden Tod. Manche junge Kambodschaner nehmen den Pagodenbesuch dagegen bloß als Pflichtübung wahr, den sie vor allem aus Respekt vor ihren Eltern und Großeltern nicht schwänzen. Während die Alten an allen drei Tagen für mehrere Stunden in der Pagode bleiben, reicht den Jüngeren jedoch meist eine knappe Stunde.

Neben den spirituellen Aspekten nimmt das Neujahrsfest sowohl in familiärer als auch in gesellschaftlicher Hinsicht eine große Bedeutung ein. In der Familie ist es ein wichtiger Anlass, um mal wieder zusammenzukommen. In vielen Familien arbeitet zumindest eine Person in der Hauptstadt, an der Grenze zu Thailand oder in einem anderen urbanen Raum. Zum Neujahrfest zieht es aber alle nach Hause, was allerdings ein nicht unerhebliches Verkehrsaufkommen provoziert und insbesondere Phnom Penh wie entvölkert wirken lässt. Außerdem ist es üblich, Geschenke zu verteilen – allerdings nicht so wie im Westen, wo jeder jedem zumindest eine Aufmerksamkeit zukommen lässt: In kambodschanischen Familien ist es vielmehr die Erwartung an denjenigen, der am meisten verdient, den anderen etwas zusätzliches Geld zukommen zulassen. Meist verdienen die Eltern, von denen dann die Großeltern und Kinder profitieren. Besonders vorteilhaft wird es allerdings erst, wenn eine Tochter im Ausland verheiratet ist.

Das Neujahrfest ist aber auch ein gesellschaftliches Ereignis. Für alle Altersgruppen gibt es verschiedene Spiele wie Chol Chhoung oder Klah Klok, deren alleinige Beschreibung wohl nicht ganz ausreicht, um sie wirklich verstehen zu können. Es wird auch viel gesungen und getanzt, entweder zu Hause oder – wer es sich leisten kann – auch auswärts. Andere Rituale wie etwa das Verspritzen von Wasser oder Babypuder ist allerdings nicht typisch kambodschanisch, sondern wurde aus Thailand übernommen.

Auslandskambodschaner begehen das Neujahrsfest meist am Wochenende vor oder nach den Feiertagen in der Heimat. Oft gibt es samstags eine gesellige Abendveranstaltung, nach dem man zuvor in einer Pagode gebetet hat. Auch in Deutschland wird es wieder einige Partys geben, für die man als Gast zumindest einen Satz in Khmer parat haben sollte: „Sursday Chnam Thmey!“

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