Kambodschas Hunger nach Energie

Kambodschas enormes Defizit in der Energieerzeugung gilt als eines der massivsten Entwicklungshemmnisse des Landes, der Strompreis zählt zu den höchsten in ganz Asien. Nur durch teure Importe aus Thailand, Laos und Vietnam – insgesamt 42% des Gesamtbedarfs – werden die eigenen Unterkapazitäten ausgeglichen, was aber nicht den deutlichen Wettbewerbsnachteil ausgleichen kann: Strom bleibt Kostenfaktor Nummer eins, und in der Regel können nur erhebliche Abstriche in den Lohnkosten die Attraktivität der Exportgüter in der Textil- und Schuhindustrie gewährleisten. Auch ausländische Direktinvestitionen finden dadurch seltener ihren Weg nach Kambodscha, was durch endemische Korruption und den relativ geringen Bildungsgrad seiner Arbeitskräfte noch verstärkt wird.

Der Bau von Kraftwerken ist zwar daher notwendig und geboten, bleibt aber eine eher langfristige Angelegenheit. Insofern war die Eröffnung des bis dato größten Wasserkraftwerks durch Premierminister Hun Sen am 7. Dezember ein weiterer bemerkenswerter Schritt zur Gewährleistung der Energiesicherheit Kambodschas. Das Kamchay-Kraftwerk liegt in der Provinz Kampot, wurde von der chinesischen Sinohydro Corporation für 280 Mio. US-Dollar erbaut und soll 193,2 Megawatt Strom erzeugen. Die Kilowattstunde soll zu 1000 Riel (0,24 US-Dollar) verkauft werden, also knapp vier Cents preiswerter als im nationalen Durchschnitt, und den südlichen Provinzen Kampot, Kep, Sihanoukville und Takeo zur Verfügung stehen.

Das neue Wasserkraftwerk nimmt seine Arbeit zwar erst im März auf, wird aber die landesweite Energieproduktion um 40% erhöhen. Bisher werden in Kambodscha 500 Megawatt Strom pro Jahr produziert, bis 2025 wachse der jährliche Bedarf auf 3000 Megawatt an. Daher sollen weitere Kraftwerke in den nächsten Jahren eröffnet werden: zwei Kohlekraftwerke (um nicht von schwankenden bzw. niedrigen Wasserständen, vor allem in der Trockenzeit, abhängig zu sein) sollen bis 2014 ans Netz, ein weiteres soll 2016 folgen – zusammen mit insgesamt 505 Megawatt Leistung. Bis 2015 sollen außerdem noch vier weitere Wasserkraftwerke mit insgesamt 772 Megawatt ihre Arbeit aufnehmen. Das wären dann immerhin knapp 2000 Megawatt, die Kambodscha landesweit erzeugen würde.

Auch aus Kambodschas noch entstehender Ölindustrie gibt es positive Nachrichten: Bis 2014 soll auf einem 365 Hektar großem Areal die erste Raffinerie errichtet werden, die dann überlappend in den Provinzen Sihanoukville und Kampot stehen wird. Bauträger ist ein Konsortium bestehend aus der Cambodian Petrochemical Company (CPC), der China National Automation Control System Corporation und der Sino March Company, ebenfalls aus der Volksrepublik China. Die staatliche CPC hält insgesamt 49% der Anteile, die Chinesen bilden mit 51% zusammen die Mehrheit. Die Investitionen belaufen sich langfristig auf insgesamt zwei Milliarden US-Dollar, Baubeginn soll im April 2012 sein. Auch hier geht es darum, unabhängiger von Importen aus Thailand, Vietnam und Singapur zu werden; bis Oktober importierte Kambodscha 1,2 Mio. Tonnen Erdöl in einem Gegenwert von 1,14 Milliarden US-Dollar, was eine Steigerung im Vergleich zu letztem Jahr von sage und schreibe 67% bedeutet. Wie die Phnom Penh Post weiter berichtet, könnte die moderne Anlage jedes Jahr fünf Millionen Tonnen raffiniertes Öl mit unterschiedlichem Schwefelgehalt produzieren, das zunächst vornehmlich den heimischen Markt bedienen soll.

Kambodscha wartet weiterhin gespannt auf den Beginn der Ölförderung offshore vor Sihanoukville, ohne die die Raffinerie nicht denkbar wäre. In den letzten Jahren wurde der Förderbeginn immer wieder verschoben, doch Hun Sen hat bereits mehrfach öffentlich klar gemacht, dass er weitere Verzögerungen nicht mehr hinnehmen wolle. So soll in exakt einem Jahr – am 12.12.2012 um Punkt 12 Uhr – die Förderung endlich beginnen, von dem sich zumindest Kambodschas Eliten einen ordentlichen Reibach versprechen. Die Raffinerie, die mit der Veredelung des Rohöls zweifellos das Sahnestück in der Wertschöpfungskette darstellt, soll aber auch kambodschanischen Arbeitnehmer in Lohn und Brot stellen. Dabei soll es sich aber nicht nur um Zuarbeiten und Helferjobs handeln: Zum Aufbau einer eigenen petrochemischen Industrie sollen 300 kambodschanische Studenten in China als Ingenieure und in der Gewinnungsindustrie ausgebildet werden, weitere 300 durch chinesische Experten in der Heimat.

Beide Projekte zeigen in eindrucksvoller Weise das ausgezeichnete Verhältnis zu China. Mit der pessimistischen Brille erkennt man aber auch recht deutlich die bestehende Abhängigkeit zum „Roten Drachen“. Chinas Stauseen am Oberlauf des Mekongs bleiben wohl das Faustpfand, das Kambodscha in Form seiner Zustimmung dafür bald wird entrichten müssen. Außerdem dokumentieren die Projekte die kontinuierliche Verschiebung des politischen Einfluss: Kambodscha hat seinen starken Partner gefunden, um sich zwischen Vietnam und Thailand behaupten zu können.

Zumindest in der Landwirtschaft haben sich Monokulturen langfristig allerdings selten als krisenfest erwiesen, auf Diversifizierung setzende Strategien dagegen schon eher.

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