Die Rückkehr des Devaraja

Rund zweihundert Studierende und Verwaltungskräfte der Phnom Penh International University beten am 29. Februar ein Bild von Hun Sen und Bun Rany an. (Foto: DAP-News)

Der Begriff des Gottkönigs oder Devaraja entstammt dem Sanskrit und ist ein fester Bestandteil der kambodschanischen Geschichte. Etwa vor tausend Jahren erstmals erwähnt hebt er den monarchischen Herrscher in den Status einer Gottheit – in einer Zeit, in der die angkorianische Hochkultur kurz vor ihrer größten Glanzzeit stand. Die Zeiten, in denen Könige sich haben anbeten lassen, sind allerdings schon lange vorbei. Geblieben sind lediglich das damit verbundene Hierarchie-Konzept der Khmer und die von ihr ausgehenden Grundregeln für das politische wie gesellschaftliche Zusammenleben. (National-)Staatliche Strukturen waren stets sehr schwach entwickelt, der absolute Herrscher galt stets auch als Symbol der Einheit und als Identifikationsfigur. Eingliederung und Unterwerfung unter seinen Machtanspruch und in das Patronagesystem galten daher als wichtiger Hebel der Integration Kambodschas. Ich erlaube mir an dieser Stelle meinen Freund Dr. Yos Phanita, einen der brillantesten Intellektuellen des Landes und führendes Mitglied der Jugendbewegung der regierenden Kambodschanischen Volkspartei (KVP) von Premierminister Hun Sen, aus einem privaten Briefwechsel vom Februar 2012 zu zitieren:

“Independence was granted to Cambodia in 1953 (still recent in society age) from which date a nation and society was to be shaped through. Before that date, it was never clear how the society was organized or how fragmented it was. Soon after, the society was dragged into the Indochina war which was followed by the killing period up until 1979. Natural human needs of sense of society always (I believe) come through the process of identifying (the people who desperately desire to form the society) a strong personality in the society. This could be carried out through a compensative process for society who deprived, for long time, of a pride of a strong leader. Denying Cambodia this natural process is regrettable and unjust.”

Seit langem wird stark unterschätzt, wie tief diese Vorstellungen in der Mentalität der Khmer verwurzelt sind. (Daher bin ich von diesen klaren Worten, die mich an Thomas Hobbes‘ Vertragstheorie – Leviathan – erinnern, überaus angetan; ich kann sie nachvollziehen, auch wenn ich sie von meinem normativen liberalen Standpunkt aus nicht teile – schließlich kam nach Hobbes noch John Locke, einen der Vordenker der Aufklärung.) Und in der Tat  dominieren eher Begriffe wie „Demokratisierung“, „Transformation“ und „Modernisierung“ die öffentliche Debatte, schließlich hat die internationale Gebergemeinschaft inklusive Deutschland seit Anfang der 90er Jahren Milliarden an US-Dollar in eben diese Ziele investiert. Klar ist: Das eine passt mit dem anderen kaum zusammen.

Dieses bemerkenswerte Bild vom 29. Februar entstammt nicht einer besonders mutigen oder ausgesprochen kritischen Quelle, sondern aus einem – von KI-Media glaubwürdig übersetzten – Bericht von den DAP-News, einer Nachrichtenagentur, die der KVP nahesteht. Vor einem großformatigen Wandbild, auf dem Premierminister Hun Sen und seine Gattin Bun Rany zu sehen sind, haben sich rund zweihundert Studierende und Verwaltungskräfte der Phnom Penh International University versammelt, um das Bild (oder die Personen oder ein Idol) anzubeten und einen Kotau zu vollziehen. Hintergrund ist die Untersuchungshaft der Rektorin Tep Kolap und ihres Ehemanns Heng Chheang (dem Vorstandsvorsitzenden der privaten Hochschule), die in einen Rechtsstreit wegen Unterschlagung mit dem Senator und Großunternehmer Kok An (Anco Brothers) wohl den Kürzeren gezogen haben. Die Zeremonie habe dem Zweck gedient, so ein Rechtsprofessor (!), um den Regierungschef um Gerechtigkeit für die Angeklagten anzuflehen und ihre Freilassung auf Kaution zu erbitten, damit diese sich auf das Gerichtsverfahren vorbereiten, sich um ihre Kinder kümmern und ihren Aufgaben an der Universität nachkommen können.

Was sagt uns diese Aufnahme? Ganz offensichtlich scheinen sich die zweihundert Khmer sicher zu sein, dass dieser Weg der Intervention erfolgversprechender zu sein scheint als andere Optionen wie etwa Rechtsmittel oder eine Petition. Man kann daher durchaus davon ausgehen, ein Verhalten zu beobachten, dass auf Erfahrungen und begründeten Erwartungen basiert. Wer das bestreitet, kann keine hohe Meinung von den abgebildeten Menschen haben. Sie handeln also, das kann man bis hierhin unterstellen, durchaus rational – und der Vorfall deckt sich mit vielen inoffiziellen und unbestätigten Berichten von kambodschanischen Führern, die von ihren Untergebenen Unterwerfung und teilweise auch Selbstaufgabe einfordern. Denn das sie das tun, steht außer Frage, von übertriebenen Demutsgesten allein auf Initiative der Bittsteller oder vorauseilendem Gehorsam kann wohl kaum die Rede sein.

Was hat das Ganze mit dem Leitbild einer rechtsstaatlichen Demokratie zu tun, die seit über 20 Jahren in Kambodscha verwirklicht werden soll? Bemerkenswert ist vor allem die Tatsache, dass sich der Vorfall an einer Universität ereignet hat. Dabei besagt eine der größten und lautesten Gebetsmühlen der internationalen Entwicklungszusammenarbeit und Demokratieförderung, dass ein Zuwachs an Bildung das Nonplusultra für die Entstehung eines aufgeklärten und emanzipierten Bürgertums und dadurch in unmittelbar folgender Konsequenz für ein liberales wie demokratisches politisches System und eine pluralistische Gesellschaft darstellt. Für Kambodscha, und daran lässt dieses Bild keinen Zweifel, gilt das so nicht mehr: Das Selbstbild des Untertanen dominiert über den mündigen Bürger, die Zeit scheint sich zurückzudrehen. Aber die Rechnung geht nur auf, wenn man dem Soll die Habenseite gegenüberstellt: Und dort steht ein politischer Führer und seine Frau, die gegen solche öffentliche Demutsszenen zumindest nichts zu haben scheinen und solche im nichtöffentlichen Umgang vielleicht sogar aktiv einfordern.

Und dieses Selbstverständnis ist durchaus dem eines Devarajas ebenbürtig. Fragt sich nur, wie fruchtbar der Boden ist, auf dem es gedeiht.

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