Kambodschas (überfälliger) Schritt in Richtung Leistungsgesellschaft

Die in den letzten zwei Jahrzehnten eigentlich als reformunwillige bekannte Regierung von Premierminister Hun Sen kann einen spektakulären Erfolg verbuchen: Mit der strikten Handhabung der Schulabschlussprüfungen der 12. Klasse – in etwa vergleichbar mit dem deutschen Abitur – wurde nicht nur den Schülern demonstriert, dass Leistungsbereitschaft, Zielstrebigkeit und Beharrlichkeit mehr zählen als Betrug und Korruption, sondern auch gleich dem Rest des Landes. Denn erstmals seit sehr, sehr langer Zeit waren die Abschlussprüfungen nur einem ganz kleinen Kreis von Personen bekannt (Bildungsminister Hang Chuon Naron hatte sogar selbst Prüfungsfragen in drei Fächern verfasst, weil er offenbar kaum jemandem in seinem Ressort vertraute), und Mitarbeiter der Antikorruptionsbehörde ACU sorgten für eine strenge Überwachung der Schüler, die sonst während der Abschlussprüfungen telefonieren konnten oder sich die Lösungen von ihren Eltern durch die Fenster reichen ließen.

Und das Ergebnis spricht für sich: Während 2013 noch 87% die Prüfung bestanden, waren es in diesem Jahr nur knapp 26%. Von den fast 90.000 Prüfungskandidaten erhielten lediglich elf die Bestnote A, 219 die Note B, 907 eine C, 1823 eine D und 20157 die Note E, die ebenfalls zum Bestehen ausreichte. Der Rest – mehr als 74% – fiel durch, darunter auch mein Neffe. Schwere Prüfungsfragen, auf die die Lehrer nur unzureichend vorbereitet hatten, und zehntausende junge Menschen, die nun das angestrebte Studium erst einmal abschreiben mussten: Wollte die Regierung etwa wieder einen Aufruhr riskieren? Wohlweislich kündigte Regierungschef Hun Sen eine sonst unübliche Nachprüfung für die durchgefallenen Aspiranten an, was angesichts des überfälligen Kurswechsels aber durchaus als fair zu bezeichnen ist. Und kostspielig: 2,5 Mio. US-Dollar mussten zusätzlich veranschlagt werden.

Die Nachprüfungen fielen dann aber noch schlechter aus als die Hauptprüfung: Von den angetretenen 60000 Schülerinnen und Schülern waren gerade einmal 17,9% erfolgreich (darunter dann auch mein Neffe), während 82% auch diese Chance in den Sand setzten. Im ganzen Land erreichte nur eine Schülerin die Note C, 55 eine D und 10815 die Note E, die gerade noch zum Bestehen ausreichte. Damit haben insgesamt 33995 Prüflinge – oder 40,67% – die Schule erfolgreich abgeschlossen.

Was für den Einzelnen sicherlich nicht leicht zu verkraften ist, war mit Blick auf ganz Kambodscha unausweichlich. Und selbst die Schülerinnen und Schüler verzichteten auf öffentliche Proteste, weil sie in der Lage waren zu erkennen, wie notwendig die harte Linie ist und dass korrupte Schulen einfach keine Zukunft haben. Obwohl sich Bildungsminister Naron gerade in der Nachprüfung eine höhere Anzahl erfolgreicher Schülerinnen und Schülern gewünscht hätte, gilt der hohe Anteil der Durchfaller dann doch als Gradmesser des Erfolges. Denn spätestens jetzt dürfte allen Beteiligten klar sein, was in den nächsten Jahren von ihnen erwartet wird: Schüler, die sich ihren Abschluss nicht mehr kaufen können; Lehrer, die an ihren fachlichen wie didaktischen Fähigkeiten gemessen werden; sowie Beamte und Fachpersonal, die die Pflicht haben, für optimale Rahmenbedingungen zu sorgen, insbesondere in der Sicherung von Qualitätsstandards und einer angemessenen Entlohnung des Lehrpersonals. Gerade die Höhe der Bezüge hatte die Lehrerinnen und Lehrer in den letzten Jahren regelrecht dazu gezwungen, sich nebenbei etwas dazuzuverdienen. Jetzt steht immerhin fest, dass der Mindestlohn bis April 2015 auf 138 US-Dollar im Monat ansteigen wird, die Obergrenze wird dann bei 410 US-Dollar liegen. Das ist zwar nach wie vor sehr wenig, aber immerhin ist nun der politische Wille erkennbar, gegen die Missstände vorzugehen.

Damit geht Kambodscha einen wichtigen Schritt aus der Korruptions- in die Leistungsgesellschaft. Doch der Preis ist hoch, es ist ein Offenbarungseid in Sachen Bildung. Gerade die Qualität der Schulabgänger der letzten Jahre wäre mit mäßig noch übertrieben gut beschrieben. Insofern soll sich auch mein Neffe nicht ärgern, dass er nur knapp bestanden hat: Besser schlecht in diesem Jahr als mit Bestnote in irgendeinem anderen vorher. Darauf können er und alle anderen, die es in diesem Jahr geschafft haben, durchaus stolz sein. Und alle anderen dürfen es im Sommer 2015 wieder versuchen, notfalls ihr ganzes Leben lang, denn auch Nicht-Schüler können sich anmelden.

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