Mindestlohn in der Bekleidungsindustrie soll um 28% steigen

Nachdem in der Schuh- und Bekleidungsindustrie bisher auch ganz offiziell Hungerlöhne gezahlt wurden, soll der Mindestlohn der Näherinnen zum 1. Januar von derzeit 100 US-Dollar auf 128 US-Dollar steigen. Dies gab am Mittwoch das Labour Advisory Committee (LAC) des Ministeriums für Arbeit bekannt, in dem vierzehn Vertreter der Regierung, sieben der Arbeitgeber, fünf der Regierung nahestehende Scheingewerkschaften und zwei unabhängige Gewerkschaften vertreten sind. Ursprünglich sollte es nur 23 US-Dollar mehr geben, woraufhin Premierminister Hun Sen eine Erhöhung um weitere 5 US-Dollar verfügte (was vielleicht seiner angeschlagenen Popularität dienen soll, letztendlich aber eher die Vermutung nahelegt, dass das LAC auch nur eine der typischen Fassadengremien ist, die faktisch nichts zu entscheiden haben).

Die beiden unabhängigen Gewerkschaften hatten als einzige gegen die Vereinbarung gestimmt. Sie pochen wie andere große Gewerkschaften auf die geforderten 140 US-Dollar, nachdem sie bei den letzten Tarifverhandlungen noch 160 US-Dollar verlangt hatten. Während die überwiegende Mehrheit der Näherinnen mit der jetzigen Erhöhung zufrieden sein dürfte – mit Überstunden und Boni werden die meisten sowieso um 200 US-Dollar im Monat verdienen – stehen die Gewerkschaften in den nächsten Tagen nun vor der entscheidenden Frage, ob sie die Entscheidung trotz aller Unzufriedenheit akzeptieren sollen oder nicht. Nicht wenige Beobachter gehen davon aus, dass es zu einer Wiederholung der Ereignisse vom Januar kommen kann. Vieles wird also davon abhängen, ob es den Gewerkschaften gelingen wird, eine ausreichende Minderheit zu mobilisieren, um den Protest auf die Straße zu bringen. Allerdings sind die politischen Rahmenbedingungen ganz anders als noch vor rund elf Monaten, als sich außerdem noch Regierung und Opposition gegenüberstanden. Daher scheinen die Vorzeichen eher gegen eine erneute Gewaltorgie zu besprechen – nicht zuletzt auch deswegen, da sich die Regierung ein neuerliches Blutvergießen keinesfalls erlauben kann.

Aber auch die Arbeitgeber, zusammengeschlossen in der Garment Manufacturers Association in Cambodia (GMAC), wirken nicht gerade zufrieden – sie hatten lediglich 10% mehr Lohn geboten. Die Phnom Penh Post zitiert eine Sprecherin, nach der 30 bis 50 Fabriken schließen werden, da sie sich diese Löhne nicht mehr leisten könnten und was zu einem Verlust von 50.000 Arbeitsplätzen führe. Doch hierbei handelt es sich um Fabriken, die nur deswegen existieren können, weil sie ihren Näherinnen Hungerlöhne zahlen. Daher wäre es durchaus zu begrüßen, wenn diese „Unternehmer“ vom Markt verschwänden. Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass neue Fabriken eröffnet werden und der Verlust an Arbeitsplätzen – wenn überhaupt – nur sehr gering ausfallen dürfte. Dies liegt vor allem daran, dass der Produktionsstandort Kambodscha trotz der deutlichen Lohnerhöhung international wettbewerbsfähig bleibt, insbesondere zum unmittelbaren Nachbarn Vietnam.

In Kambodschas Bekleidungsindustrie wurden im letzten Jahr rund 5,5 Milliarden US-Dollar umgesetzt. Die Branche mit ihren rund 600 Fabriken erwirtschaftet mit 85% den Löwenanteil der Exporte. Etwa 600.000 Menschen, zu 90% junge Frauen, sind in der Branche beschäftigt. Zusammen erwirtschaften sie Löhne über eine Milliarde US-Dollar, die vor allem zur Unterstützung der Familien in sämtliche Provinzen des Landes fließen. Fast täglich berichten Medien über Konflikte zwischen den Näherinnen und den Fabrikbesitzern, in der Regel aufgrund von unzureichenden Arbeitsbedingungen oder Kündigungen von Gewerkschaftern.

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2 Antworten zu Mindestlohn in der Bekleidungsindustrie soll um 28% steigen

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