Chea Sim ist tot

Chea Sim, amtierender Präsident des Senats und der Kambodschanischen Volkspartei (KVP), ist am Montag nach langer Krankheit im Alter von 82 Jahren verstorben. Er gehörte zu den führenden Persönlichkeiten, die Kambodscha nach 1979 politisch geprägt haben – in einer der schwersten Phasen, die es in der jüngeren Weltgeschichte für ein Land überhaupt zu meistern gab. Chea Sim schloss sich 1952 den kommunistischen Khmer Issarak an, insgesamt ging er nur fünf Jahre zur Schule. Später kämpfte er im Bürgerkrieg auf den Seiten der Roten Khmer, bis er 1978 vor internen Säuberungen nach Vietnam flüchtete.

Der vietnamesische Geheimdienst legte damals ein Dossier an, in dem Chea Sim umfassend charakterisiert wurde: „Genosse Xim tritt mitunter versöhnlerisch, zaghaft und unentschlossen auf… Obwohl schon von Zweifel erfasst, vertraute Xim von 1975 bis 1978 immer noch auf den politischen Kurs der Partei [der er sich 1962 angeschlossen hatte], d.h. auf den von Pol Pot/Ieng Sary… Unter den Kadern, die nach Vietnam gekommen sind…, besitzt Xim die vielseitigsten Fähigkeiten, vor allem in der Leistungstätigkeit, und gute Anschauungen auf vielen Gebieten. Man kann nicht nur auf Gebietsebene, sondern auch auf höherer Ebene große Aufgaben übertragen… Bildungsstand und Wissen sind beschränkt, aber er hat praktische Erfahrungen… Er benimmt sich korrekt, redet nicht viel, tut sich kaum  hervor…“

Mit seinen neuen Verbündeten kehrte er als Vizepräsident der United Front for National Salvation of Kampuchea bereits wenige Monate später hinter den Invasionstruppen in seine Heimat zurück. In den 80er Jahren diente er unter den vietnamesischen Besatzungstruppen in verschiedenen Ämtern, ehe er 1991 zum Präsidenten der KVP aufstieg und ab April 1992 für knapp vierzehn Monate als Staatsoberhaupt amtierte. Zwischen 1993 und 1998 stand der an der Spitze der Nationalversammlung, ehe er 1999 Präsident des Senats wurde. 2004 folgte dann der endgültige Absturz: Da er sich weigerte, der Neuauflage der Koalition mit den Royalisten zuzustimmen, erhielt er von Hun Sen, dem stellvertretenden Parteipräsidenten, die ultimative Drohung. Unter freiem Geleit flüchtete er kurzzeitig nach Bangkok.

Danach zog er sich immer weiter zurück, bildete mit seinem Schwager und Innenminister Sar Kheng aber immer noch ein einflussreiches Tandem innerhalb der KVP. 2013 trat er auf Listenplatz 1 in Phnom Penh für die KVP zu den Parlamentswahlen an, obwohl er niemals beabsichtigt hatte, in die Nationalversammlung einzuziehen. Bei den spärlichen öffentlichen Auftritten in den letzten Jahren zeigte er sich als zunehmend gebrechlicher Greis, ehe er sich 2014 vollständig zurückzog. Für die herben Verluste bei den letzten Wahlen musste er sich nicht mehr verantworten. Zuletzt kündigte Hun Sen an, seinen alten Rivalen als Parteichef beerben zu wollen.

Chea Sim gehörte einer Generation an, die Kambodscha in den letzten Jahrzehnten entscheidend geprägt haben – in seiner Biographie spiegelt sich die Tragödie des ganzen Landes, deren Nachwirkungen bis heute spürbar. Ein Auslandsmitarbeiter einer politischen Stiftung beschrieb ihn mal als „alten sozialistischen Apparatschick“, und ein Demokrat, auch kein lupenreiner, ist er sicherlich nie gewesen. Aber im Gegensatz zu anderen wurde er nie persönlich als Verantwortlicher systematischer Menschenrechtsverletzungen nach 1978 gebrandmarkt, und obwohl Chea Sim als überaus wohlhabender Mann (in einem Alter, das viele Khmer bis heute nicht erreichen) verstorben ist, hat er sich nie so schamlos und obszön bereichert wie es andere im Regime bis heute tun.

Doch es wäre weit gefehlt, ihn als Vorbild für andere Politiker zu bezeichnen – persönlicher Machterhalt war ihm stets wichtiger als den Mut für politische Reformen aufzubringen. Die eingebrockte Suppe, also die seit den 90er Jahren verschenkte Zeit Kambodscha nachhaltig zu entwickeln, werden andere auslöffeln müssen.

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