Wohin steuern die amerikanisch-kambodschanischen Beziehungen?

usaEs fing doch alles so harmonisch an: Wenige Tage vor den Präsidentschaftswahlen outete sich Premierminister Hun Sen als Fan von Donald John Trump, dem er den Sieg gegen Hillary Clinton im Sinne des „Weltfriedens“ wünschte (ja, das hat er tatsächlich so gesagt). Ende Dezember bat er den designierten Präsidenten dann öffentlich um die Stornierung eines Kredits, dem die USA dem kambodschanischen Lon Nol-Regimes zwischen 1972 und 1974 Geld geliehen hatten – aufgrund der nichtbedienten Zinsen liegt das Volumen mittlerweile bei über 300 Mio. US-Dollar. Das war sicher ein Fehler, denn bekanntlich verachtet Trump nichts mehr als „Pussies“, wie er von geringem Selbstvertrauen beladene oder sich meist gesittet verhaltene Mitmenschen mitunter zu nennen gedenkt. Vielleicht hätte Hun Sen einfach die Einsätze erhöhen und breitbeinig Reparationen für die völkerrechtswidrige Bombardierung Kambodschas ab 1969 fordern sollen. Eine Rechnung mit einer eins und vielen, vielen Nullen – das wäre ein Zeichen von Stärke gewesen, was Kambodschas Premierminister in der Gunst Trumps vielleicht sogar auf eine Stufe mit Wladimir Putin katapultiert hätte.

Um es klar zu benennen: Die USA standen dem Postkommunisten Hun Sen noch nie besonders nahe, und bis heute ist die gegenseitige Abneigung unübersehbar. Dazu kommt, dass die kambodschanische Opposition maßgeblich von vormaligen Landsleuten aus den USA getragen wird. Das spannungsgeladene Verhältnis ist vor allem durch den Umgang Hun Sens mit demokratischen Spielregeln begründet – wenn er die wohl viel mehr respektiert hätte, gäbe es heute sicherlich keinen Kredit mehr, den es zurückzuzahlen gälte (aber dann wäre Hun Sen schon längst kein Regierungschef mehr). Dass sich Kambodschas Premierminister über die zwei Treffen mit Barack Obama in den letzten Jahren trotzdem gefreut haben dürfte, liegt auf der Hand, denn Fotos mit dem mächtigsten Mann der Welt steigern gewöhnlich die Reputation daheim.

Berücksichtigt man die Militär- und Entwicklungshilfe, die die USA den Kambodschanern bisher gewährt haben, ist das gestörte Verhältnis zu Hun Sen jedenfalls nicht die einzig dominierende Facette der bilateralen Beziehungen. Umso überraschender war in der vergangenen Woche die Ankündigung der kambodschanischen Regierung, die alljährliche kambodschanisch-amerikanische Militärübung Angkor Sentinel bis einschließlich 2018 abzusagen. Soll man lieber von einem Zufall oder einem Übermaß an Unbekümmertheit sprechen, dass das genau in der Woche von Trumps Amtseinführung verkündetet wurde? Zumal die Erklärung dafür nur haarscharf an der Peinlichkeit vorbeischrammt: Das Militär werde im staatlichen Vorgehen gegen die Drogenkriminalität und im Rahmen der im Juni stattfindenden Gemeinderatswahlen gebraucht (in denen der regierenden Kambodschanischen Volkspartei bezeichnender Weise eine deftige Niederlage droht). Dabei läuft die Übung lediglich zwei Wochen, bindet nur einen kleinen Teil der kambodschanischen Streitkräfte und wird gemeinhin als verbindende Geste zwischen beiden Staaten verstanden. Was zwangsläufig dazu führt, die Absage genauso als Geste deuten zu müssen.

Zumal für Übungen mit chinesischen Truppen selbstredend Zeit bleibt, womit wir beim Kern des Problems wären. Denn der Männerfreundschaft Hun Sen-Donald Trump steht der rote Drache im Weg, den der frischgebackene US-Präsident als größten außenpolitischen Widersacher jenseits islamistischer Terroristen auserkoren hat. Und da sich die Volksrepublik China seit Jahren zu einem Neokolonialherren aufschwingt, der Kambodschas Volkswirtschaft trägt und Außenpolitik vorgibt (die anderen ASEAN-Mitglieder können ein Lied davon singen), heißt es für Hun Sen nun: Farbe bekennen. Er hat keine Wahl und muss die Suppe auslöffeln, die er sich ganz alleine eingebrockt hat: Nämlich die unbedingte Abhängigkeit zu einer externen Macht (Vietnam) durch die Liaison mit einer anderen, noch größeren Macht abzuschütteln. Dabei weiß man doch, dass es selten gut endet, wenn man alles auf eine Karte setzt.

Es wäre wohl übertrieben davon auszugehen, dass Trump angesichts dieser Dreistigkeit eines kleinen Landes, die Gunst der USA derart zu verschmähen, begänne zu schäumen. Vielleicht ist ihm die Angelegenheit persönlich völlig egal, aber seine Administration wird sich etwas überlegen müssen, auch wenn das Problem teilweise von den Vorgängern im Amt vererbt wurde. Zumindest wird klar, wohin das Trumpsche Freund-Feind-Denken simpler Bauart führen kann, nämlich dass sich Staaten gegen ihn und an die Seiten seiner tatsächlichen oder imaginären Widersacher stellen (könnten). Für Zwischentöne hat der US-Präsident bekanntlich kein Gehör, für ihn gibt es nur schwarz oder weiß, gut oder böse, „für mich oder gegen mich“.

Man kann die Absage also als ersten minimalen chinesischen Nadelstich interpretieren, einen Vorgeschmack auf die Austragung künftiger Meinungsverschiedenheiten zwischen Peking und Washington, insbesondere zu den Stichworten Handelsströme und Südchinesisches Meer. Kambodscha ist aber gut beraten, nicht zwischen die Fronten zu geraten, denn schließlich sind die USA weiterhin der zweitgrößte einzelstaatliche Abnehmer kambodschanischer Waren, insbesondere der Bekleidungsindustrie (und die Erlöse werden bekanntlich nicht mit dem offenen Kredit verrechnet, aber vielleicht kommt Trump sogar noch auf diese Idee). Dazu braucht es nicht zwingend Militärübungen, aber zumindest zwei Partner mit wohlwollenden Absichten, selbst zwischen so unterschiedlich großen Staaten. Und da er nicht unbedingt mit einer besonnen Reaktion Trumps rechnen kann, sollte Hun Sen sich dafür hüten, proaktiv Zweifel zu streuen.

Es könnte sich rächen.

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