Teenager bei Zwangsvertreibung erschossen

Heng Chantha starb am Mittwoch an der Schussverletzung, die ihr schwer bewaffnete Sicherheitskräfte bei der Erstürmung ihres Dorfes Prama zugefügt hatten. Sie wurde nur 14 Jahre alt.

Wenn so der von Premierminister Hun Sen jüngst angeordnete Stopp in der Vergabe agroindustrieller Landkonzessionen und die Überprüfung bereits bestehende Nutzungsrechte aussieht, drängen sich zwangsläufig Zweifel an Ernsthaftigkeit wie Durchsetzungsfähigkeit der Regierung auf und wecken Erinnerungen an Kambodscha als failed state: Bei der Erstürmung des Dorfes Prama (Gemeinde Kampong Damrei, Distrikt Chhlong) in der Provinz Kratie haben am Mittwoch rund 400 schwer bewaffnete Polizisten und Militärangehörige die vierzehnjährige Heng Chantha erschossen, zwei weitere Menschen wurden verletzt und fünf von den Sicherheitsbehörden festgenommen. Es ist der erste Todesfall bei einer Zwangsräumung seit vielen Jahren, aber eine der zahlreichen, bei der Sicherheitskräfte mit massivem Gewalteinsatz vorgegangen sind.

Wie die Phnom Penh Post berichtet, seien die Einsatzkräfte auf Befehl eines gemeinsamen Komitees bestehend aus Innenminister Sar Kheng, Polizeioberbefehlshaber Neth Savoeun und dem Kratie-Provinzgouverneur Sar Cham Rong gegen 8.30 Uhr morgens in das Dorf eingerückt, wobei sie von einem Hubschrauber unterstützt worden seien. Gegen die Dorfbewohner, die sich mit Äxten und Armbrüsten bewaffnet hatten, seien die Polizisten und Soldaten mit Gewehrdauerfeuer vorgegangen. Ein beteiligter Offizier gab an, man habe dies zur Selbstverteidigung getan. Die Angreifer handelten im Namen des russischen Konzessionsträgers Casotim, dem 2007 ein Gebiet zur landwirtschaftlichen Nutzung über 15.000 Hektar ausgestellt worden war, der auf dem Land eine Kautschukplantage errichten will. Um sich dagegen zur Wehr zu setzen, sei ein vom Rest des Landes autonomes Gebiet ausgerufen und „Demokratische Vereinigung“ genannt. Vor allem in den letzten Monaten hatten die Menschen immer intensiver ihren Besitz versucht zu verteidigen. Fünf Dorfbewohner, unter ihnen der 32-jährige Anführer Bun Ratha, seien als Rädelsführer identifiziert worden. Ihnen wird unter anderem illegale Landvergabe, Entführung von zwei Soldaten, die Blockierung einer Nationalstraße und Bedrohung von Dorfchefs vorgeworfen. Allerdings scheint es fraglich, ob die Ausrufung des autonomen Gebietes wirklich auf dem Rückhalt der Dorfbewohner basierte oder eher als symbolische Geste einiger weniger verstanden werden sollte. Laut Radio Free Asia wird nach den beschuldigten Männern derzeit noch gefahndet.

Bei dem gestrigen Einsatz sei Heng Chantha nach Angaben ihres Bruders unbeteiligt gewesen. Sie sei Arbeiten im Haushalt nachgegangen, als sie von einem Querschläger in der Magengegend getroffen wurde. Sie starb auf dem Weg ins Krankenhaus nach Snuol. Der Gouverneur unterstrich dennoch den Erfolg der Operation.

Der Tod des Teenagers markiert die nächste Stufe in der Gewalteskalation der letzten Monate. Sie war ohne Wenn und Aber absehbar und wird vermutlich ihre Fortsetzung finden. Noch nie seit den Wahlen 1998 und der Kapitulation der letzten Roten Khmer kurz danach war der innere Frieden Kambodschas so sehr bedroht. Es ist ein düsteres Szenario, aber nicht mehr auszuschließen, dass das Land wieder in einer Welle der Gewalt zu versinken droht. Denn die ungelösten Landkonflikte sind zu zahlreich, die Folgen von Zwangsvertreibung zu existenziell und die Eliten zu korrupt, gierig und skrupellos, als dass es wahrscheinlich wäre, dass sich die zahlreichen dezentralen Konfrontationen noch einvernehmlich lösen ließen. Und an dieser Stelle muss erneut darauf hingewiesen werden, dass die Bundesrepublik Deutschland die kambodschanische Regierung jährlich mit Millionenbeiträgen im Landmanagement unterstützt, während andere Geber wie die Weltbank ihr Engagement längst eingestellt haben – weil es schlicht und einfach keine substanziellen Fortschritte gebracht hatte und insgesamt nicht mehr zu verantworten war.

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3 Antworten zu Teenager bei Zwangsvertreibung erschossen

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