Die Satellitenstädte Phnom Penhs: Ein weiteres Beispiel der asymmetrischen Entwicklung Kambodschas

6. Dezember 2010

In Phnom Penh wird gebaut und gebaut! Architektonische Juwelen, vor allem aus der Kolonialzeit, verschwinden zusehends aus dem Stadtbild, aber darüber wurde in diesem Blog ja bereits berichtet. Sie machen Platz für Shopping-Malls, Wolkenkratzer und andere Gebäude, die gemeinhin als modern bezeichnet werden. Ein Bericht des Wall Street Journals nennt vier große Bauprojekte, die sogenannten Satellitenstädte, weil sie um den Kern Phnom Penhs herumgebaut werden:

Koh Pich, die Diamanteninsel zwischen Mekong und Tonle Bassac, Ort der schrecklichen Tragödie vom diesjährigen Wasserfestival, wo eine Massenpanik mindestens 352 Todesopfer forderte. Auf mehr als 75 Hektar soll dort bis 2016 neben Luxusvillen, einem Yachthafen und einem Krankenhaus der zweithöchste Wolkenkratzer der Welt entstehen, angeblich für nur etwas mehr als 300 Mio. USD. Ein phallisches Symbol für einen sich omnipotent fühlenden Potentaten? Jedenfalls fragwürdig für ein Land, das als Least Developed Country zu den ärmsten der Welt gehört und bereits seit Jahren auf massive internationale Entwicklungshilfe angewiesen ist, wodurch mehr als die Hälfte des Staatshaushalts finanziert wird.

Camko City, im nördlichen Stadtteil Toul Kork gelegen, ist mit zwei Milliarden USD das teuerste Bauprojekt der Hauptstadt. Hochhäuser – Shopping Malls – eine internationale Schule: auf 119 Quadratmetern viel Abwechslung, vor allem für materialistisch orientierte Menschen, von denen es in Asien ja nicht gerade wenige gibt.

Die Grand Phnom Penh International City soll wie Camko City ebenfalls bis 2018 fertig gestellt sein. Mit 260 Quadratmetern ist es nicht nur die mit Abstand größte der zu bebauenden Flächen, sondern von allen Satellitenstädten auch die vom Stadtkern am weitesten entfernte.  Für 600 Mio. USD sollen dort Villen im toskanischen Stil, ein Golfplatz nebst Driving Range, eine obligatorische Shopping Mall und ein Spaßbad entstehen.

Und dann bliebe schließlich noch das Gebiet des (ehemaligen) Sees Boeung Kak, das vielleicht wertvollste Areal, welches – Überraschung, Überraschung – von einem dicken Kumpel des Premierministers entwickelt wird. Viel wurde schon darüber geschrieben, auch in diesem Blog, wie die entrechteten Menschen, die dort lebten, für weniger als 10% des tatsächlichen Wertes „entschädigt“ und vertrieben wurden. Auf 133 Quadratmetern sollen 1,5 Milliarden USD verbuddelt werden, was genau und wann vollendet, steht offenbar noch nicht fest.

Es sind auch diese oberflächlich imponierenden Projekte, die viele Beobachter im Sinn haben, wenn sie positiv von der Entwicklung Kambodschas reden. Und in der Tat: Kambodscha entwickelt sich, zumindest ein kleiner Teil des Landes. Dieser kleine Teil umfasst die wenigen zehntausenden Reichen und Mächtigen, die wichtige Positionen in Politik, Wirtschaft und den Sicherheitskräften okkupiert und sich in der regierenden Kambodschanischen Volkspartei organisiert haben. Deren Akkumulation von Vermögen geht fast vollständig einher mit der Stagnation der restlichen Bevölkerung auf niedrigem sozioökonomischem Niveau.

Entwicklungsprojekte sind notwendig, das wird wohl niemand ernsthaft bestreiten. Allerdings müssen sie sozial ausgewogen sein: Die Menschen, wenn sie schon ihr Land verlassen müssen, müssen angemessen entschädigt werden, und ihnen müssen auch neue Perspektiven eröffnet werden. Das alles bleibt aber aus, die Entwicklung verläuft deshalb höchst asymmetrisch. Kambodscha ist vielmehr Schauplatz eines gnadenlosen sozialdarwinistischen Verdrängungskampfs geworden, und es sind nicht eben nur wenige Ausnahmen, die ihn zu verlieren drohen, wie die unermüdlichen Recherchen anerkannter Nichtregierungsorganisationen sehr deutlich zeigen.

Staat und Regierung sind nicht nur äußerst korrupt, sondern haben sich darüber hinaus weitgehend dem Robin Hood-Prinzip verschrieben, allerdings mit umgekehrten Rollen: Nehmt von den Armen und gebt den Reichen! Auch das ist Entwicklung, keine Frage. Ob das aber auch eine wünschenswerte Entwicklung ist, muss allerdings stark bezweifelt werden.

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