Straßenschlacht am Olympiastadion

90% des Landbesitzes in Kambodscha sei eindeutig und unbestritten, so die landläufige Meinung derjenigen, die dem kambodschanischen Katasterwesen noch etwas Positives abgewinnen können und auch mit dieser Zahl die Investition von Entwicklungshilfe in diesem Bereich begründen. Selbst wenn diese Zahl stimmt: Welches Eskalationspotential in den übrigen 10% steckt wurde am Dienstag in Phnom Penh deutlich: Rund 200 Bewohner der Gemeinde Borei Keila am Olympiastadion lieferten sich Straßenschlachten mit einer Hundertschaft der Polizei, bei der auch Molotowcocktails zum Einsatz kamen. 30 verletzte Anwohner und 34 verwundete Polizisten (andere Quellen sprechen von weniger Verletzten)  – immerhin keine Todesopfer – lautete am Ende die Bilanz der Kämpfe – was angesichts der Heftigkeit durchaus verwundern mag. Die Beschreibung von Zuständen wie in einem „Kriegsgebiet“ (so der Cambodia Daily) ist angesichts der Zerstörungen und brennenden Barrikaden jedenfalls keine Übertreibungen, wie auch diverse Fotostrecken (eins, zwei, drei, vier) zeigen.

Hintergrund des Konflikts ist ein jahrelanger Streit mit der Firma Phanimex, deren Besitzerin Suy Sophan als bestens vernetzt mit der Regierung gilt. Und wenn solche Firmen in Kambodscha Probleme mit unwilligen Menschen haben, die partout nicht bereit sind, ihren Besitz zu räumen, dann wird eben Polizei eingesetzt, um die Geschäftsinteressen durchzusetzen. Konkret geht es in diesem Fall um ein Versprechen der Firma, für die 1776 betroffenen Familien ersatzweise zehn Apartmentblöcke auf zwei Hektar zu bauen. Am Ende hat Phanimex aber nur acht gebaut, was mehr als 300 Menschen in die Obdachlosigkeit führt – oder in sogenannte Ausweichquartiere im Kreis Dangkao, einem unerschlossenen Slum auf der grünen Wiese vor Phnom Penh, mit 99 US-Dollar und 30 Kilogramm Reis. Als Begründung gab die Besitzerin an, die übrigen Familien lebten dort illegal und hätten kein Anrecht auf eine neue Wohnung.

Die Kämpfe, die schließlich mit der Zerstörung der Wohnungen endete, stellen eine neue Qualität in Kambodschas Landkonflikten dar. Das Ende der Fahnenstange dürfte damit aber noch nicht erreicht sein, solange sich eine unheilige Allianz aus Wirtschaft und Politik sich so schamlos am Besitz anderer bedient. Noch verlieren am Ende immer dieselben, wie auch dieses Mal, und sie verlieren alles, ihre gesamte Existenz.

Wie Hohn klingen da die Bemühungen der Stadtverwaltung Phnom Penh, die Hauptstadt im Jahr des ASEAN-Vorsitzes zu verschönern. Konkret bedeutet dies, Straßenprostituierte und Bettler zu vertreiben, letztere vor allem von der Promenade am Tonle Sap. Offensichtlich hat sich dort aber niemand die Frage gestellt, wo die Bettler denn herkommen. Die Zusammenhänge liegen jedenfalls auf der Hand: Solange es in Kambodscha land-grabbing gibt, das immer mehr Menschen in prekäre Situationen bringt, wird das Reservoir an Bettlern nicht versiegen.

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