PUMA am Pranger: Schüsse auf Fabrikarbeiterinnen

Zerknittertes Image: Während bei den westlichen Konsumenten für hippe Lifestyle-Produkte geworben wird, geht es bei PUMAs kambodschanischen Näherinnen mit 61 US-Dollar Monatslohn ums nackte Überleben. (Foto: Karbaum)

Drei schwerverletzte junge Frauen, von denen eine derzeit um ihr Leben kämpft: In der Stadt Bavet, Provinz Svay Rieng, an der Grenze zu Vietnam sind am Montag Kambodschaner, die sich gegen ihre prekären Lebensverhältnisse zu wehren versuchen, wiederholt praktisch zum Abschuss freigegeben worden. Wie die Phnom Penh Post berichtet, hatten rund 6000 Näherinnen ihren Arbeitsplatz der Kaoway Sports Factory verlassen, um geringfügige Lohnerhöhungen – insgesamt 25 US-Dollar monatlich als Ergänzung des Mindestlohns von 61 US-Dollar – einzufordern. Die Schüsse wurden übereinstimmenden Augenzeugenberichten von einem Mann in Polizeiuniform abgegeben, der wahllos in die Menge feuerte. Eine Näherin wurde mit lebensgefährlichen Verletzungen in das Calmette-Hospital nach Phnom Penh gebracht, andere werden derzeit noch vor Ort versorgt.

Nachdem der zunächst friedliche Protest außer Kontrolle zu geraten schien – zuvor waren Steine geworfen, Reifen in Brand gesetzt und Firmengebäude zum Teil besetzt worden –, rückten bewaffnete Ordnungskräfte in zwei Mannschaftswagen an. Der Schütze schien kein amoklaufender Wahnsinniger gewesen zu sein, da er – sofern man den Augenzeugen glauben mag – von zwei weiteren Männern schützend flankiert wurde und anschließend ungehindert mit einem Toyota Camry entkommen konnte. Ein Polizeisprecher schloss allerdings aus, dass der Täter, nach dem jetzt gefahndet wird, Polizist sei. Der örtliche Polizeichef sprach sogar vom Schützen als einem Mann in weißem T-Shirt, der erfolgreich „in den Wald“ geflohen sei, obwohl Polizei und Protestierende gemeinsam versucht hätten, seiner habhaft zu werden – Baron Münchhausen wäre sicher stolz auf diesen Schüler gewesen.

Am Pranger steht aber nicht nur der taiwanesische Arbeitgeber, sondern auch der deutsche Sportartikelgigant PUMA, der in Bavet Schuhe anfertigen lässt. Die prominente Oppositionspolitikerin Mu Sochua betonte gegenüber der Phnom Penh Post die direkte Verantwortung der Herzogenauracher:

“Does PUMA want its name to be tainted by the blood of workers in Cambodia? These are young women who want nothing more than $10 for transportation and an extra 50 cents for their food.”

Aufgescheucht von so viel Negativ-Publicity sah sich der Konzern auch sofort in der Pflicht, ein eher verwirrendes Statement abzugeben. Danach seien die Forderungen der Arbeiterinnen schon am Wochenende akzeptiert und die Proteste wohl nicht von eigenen Näherinnen initiiert worden. Niemand sei schwer verletzt worden, eine Person müsse lediglich noch eine Woche im Krankenhaus bleiben. Chapeau vor so viel Chuzpe, denn von unabhängigen Stellen wurde lediglich bestätigt, dass auch Arbeiterinnen anderer Fabriken der Manhattan Special Economic Zone an den Protesten beteiligt gewesen sein sollen und die Fabrik bis auf weiteres aus Sicherheitsgründen geschlossen bleibt. Da die Stellungnahme direkt aus Mittelfranken kommt, kann man wohl davon ausgehen, dass die Autorin wohl absichtlich desinformiert oder selbst gar nicht im Bilde ist. Und eine weitere wichtige Frage, ob PUMA nämlich damit einverstanden sein kann, jedem Opfer laut ihrem taiwanesischen Lieferanten läppische 500.000 Riel (umgerechnet rund 125 US-Dollar) Entschädigung zahlen zu wollen, ist noch gar nicht beantwortet worden.

Unabhängig von der Involvierung von PUMA ist dieser Vorfall Teil zweier sich überlappender Muster, die seit Jahren beobachtbar sind: Zum einen westliche Bekleidungs- und Schuhersteller, die zu abenteuerlichen Löhnen in Ost-, Süd- und Südostasien produzieren lassen, ohne der eigenen sozialen Verantwortung ausreichend gerecht zu werden. Zum anderen die steigende Bereitschaft der Kambodschaner, sich mit den durch und durch ungerecht weil hochgradig korrupten gesellschaftlichen Verhältnissen nicht mehr abfinden wollen. Anstatt zu kuschen und klein beizugeben, wie es in Kambodscha aus den verschiedensten politischen, persönlichen und kulturellen Gründen nicht allzu selten ist, beginnen die Menschen immer mehr Mut zu fassen und sich gegen die Obrigkeit (von der man aufgrund der Symbiose politischer und wirtschaftlicher Eliten durchaus generell-vereinheitlichend sprechen kann) zur Wehr zu setzen. Das scheint insbesondere an der Perspektivlosigkeit von immer mehr Menschen zu liegen, die langsam erkennen, dass sie nichts zu verlieren haben außer ihrem Leben.

Es ist kein Zufall, dass die Proteste und anschließende Zusammenstöße wie nun in Bavet und zuvor in Snuol oder Borei Keila immer heftiger und häufiger werden. Im Machtkalkül der Herrschenden reichte es meist aus, ein oder wenige Exempel zu statuierten, um viele zu verängstigen und ruhig zu halten. Doch diese Logik scheint nicht mehr aufzugehen: Im kambodschanischen Kessel brodelt es, die soziale Schieflage scheint das Land immer mehr aus der Balance zu bringen. Nicht nur wegen PUMA sollte sich auch Deutschland fragen, welchen Anteil es daran trägt.

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Duch wird sein Gefängnis nie wieder verlassen

Dass Kaing Guek Eav, besser bekannt als Duch, zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, ist in Kambodscha mit großer Genugtuung aufgenommen worden. Die durchaus bestandene Aussicht, er könne in seinem Leben wohlmöglich noch einmal in Freiheit kommen, hatte die wenigen noch lebenden Opfer und die Angehörigen der mindestens 14.000 ermordeten Menschen mit großer Sorge erfüllt. Gemessen an den Taten, die Duch sowohl persönlich begangen als auch als Direktor des Foltergefängnisses S-21 angeordnet hatte, konnte es wohl keine Alternative zur größtmöglichen Strafe geben. Dem Gerechtigkeitsgefühl ist damit zweifelsfrei Genüge getan worden.

Doch das Tribunal, so viel Mühe man sich mit ihm auch macht, ist nicht nur dazu da, die Angeklagten abzuurteilen. Bedauerlicherweise drängt sich dieser Eindruck durch das Urteil der Berufungskammer aber auf, auch wenn sie sich nach Ende der Revisionsverhandlung im März sehr viel Zeit mit dem Richterspruch gelassen hat und dieser damit eigentlich durchdacht sein sollte. Zwei Aspekte wurden von zumindest sechs der neun Richter nicht berücksichtigt: Zum einen hatte Duch mit dem Tribunal kooperiert und trotz seiner vehement behaupteten Unschuld – er sei schließlich nur ein Befehlsempfänger gewesen – bereitwillig Auskunft über die in der ehemaligen Schule Tuol Sleng begangenen Verbrechen Auskunft gegeben. Sein Beitrag zur Aufarbeitung kambodschanischer Geschichte war zwar nicht weltbewegend, hätte ihm aber vor allem im Hinblick auf die sich verweigernden Khieu Samphan und Ieng Sary in Fall 002 durchaus angerechnet werden sollen. Zum anderen, und dieser Fakt wiegt ungleich schwerer, saß Duch insgesamt elf Jahre in Untersuchungshaft, was trotz der Schwere seiner Verbrechen und der völlig zutreffenden Vermutung seiner persönlichen Verantwortung dafür nach rechtsstaatlichen Maßstäben keinesfalls akzeptabel war. Da das Tribunal der Theorie nach auch einen wichtigen Beitrag für die Evolution eines nach fairen und professionellen Gesichtspunkte organisierten Rechtssystems leisten soll, hätte man die Berücksichtigung der Untersuchungshaft im Urteil durchaus erwarten dürfen. Angesichts der immer noch willkürlich langen und auch nach kambodschanischem Recht illegalen Untersuchungshaftbedingungen hätte das Tribunal ein deutliches Zeichen senden und damit zumindest indirekt eine Verbesserung für zahlreiche Angeklagte oder bloß nur Verdächtige im ganzen Land erwirken können.

Dass die Berufungskammer nun festgestellt hat, dass das Urteil der Hauptverhandlung der langen Untersuchungskraft in Relation zur Schwere der begangenen Verbrechen zu starkes Gewicht beigemessen habe, muss wohl kaum als Skandal gewertet werden. Aber allein der Umstand, an dieser Stelle über das Für und Wider des Urteils fachsimpeln zu können, ist nicht selbstverständlich. Die Richterschaft war gespalten, und von der internationalen Seite war es einzig der Japaner Motoo Noguchi, der sich der Meinung der fünf kambodschanischen Kollegen anschloss. Andernfalls wäre die Kammer nicht beschlussfähig und eine weitere massive Enttäuschung über das Tribunal unausweichlich gewesen. Ob das Tribunal eine weitere Verschärfung seiner Krise überhaupt noch überstanden hätte, darf durchaus infrage gestellt werden.

So stehen manche Beobachter nun erleichtert, wenn auch etwas freudlos vor der Botschaft des Urteils. Klar ist allen, dass ein anderes Urteil dem Rechtsempfinden der allermeisten Kambodschaner zutiefst widersprochen und sich sehr negativ auf die Legitimität des Tribunals ausgewirkt hätte – es darf aber dennoch die Frage gestellt sein, was mit dem Urteil „lebenslänglich“ letztendlich wirklich erreicht wurde. Das schlimmste wäre zweifelsohne, wenn Duch zum Sündenbock für das gesamte Regime gemacht werden würde: Das hat er trotz der begangenen Gräueltaten nicht verdient, dafür sind andere zur Rechenschaft zu ziehen. Daher wird das Urteil gegen Duch erst dann einen Sinn ergeben, wenn weitere Top-Kader der Khmer Rouge angeklagt und verurteilt werden.

Immerhin: Das Tribunal hat seine erste Hürde bravourös gemeistert. Dafür verdient es Anerkennung, auch wenn auf den anderen Verfahren bereits ein dunkler Schatten liegt.

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Modernstes Krankenhaus Kambodschas wird in Kampot eröffnet

Das Krankenhaus aus der Vogelperspektive. Es liegt direkt am Highway Nr. 3, knapp fünf Kilometer südwestlich von Kampot City. (Foto: Sonja Kill Stiftung)

Kambodschas Gesundheitszentren und Krankenhäuser, vor allem in ländlichen Gegenden abseits der Hauptstadt Phnom Penh, sind bekannt für ihre Unterausstattung und für die nicht selten fehlende Kompetenz des Personals. Auch markerschütternde Geschichten über korrupte Ärzte, die Notfallpatienten krepieren lassen, wenn die Aussicht auf Bezahlung fehlt, sind leider nicht selten. Keine Frage, dass Lebensqualität und -erwartung ganz unmittelbar vom Zugang zu ärztlicher Versorgung abhängen. So gesehen ist die inoffizielle Eröffnung – die formelle erfolgt später im April – des Sonja Kill Memorial Hospital for Children (kurz SKMH) in diesem Monat in Kampot ein wesentlicher Schritt in Kambodschas Entwicklung.

Bemerkenswert ist dabei vor allem, dass die zunächst als ausschließliches Kinderkrankenhaus geplante Einrichtung privat aus Deutschland finanziert wird. Dr. Winfried Kill, Unternehmer des Jahres 2002 aus Bergisch Gladbach, hat bei einer Reise nach Kambodscha die Rückständigkeit erkannt und dann 2007 in Erinnerung an seine bei einem Verkehrsunfall gestorbene Tochter Sonja mit dem Bau begonnen. Erhebliche Turbulenzen während der Wirtschafts- und Finanzkrise bedeuteten zunächst allerdings einen erheblichen Rückschlag, vor allem auch für Kill persönlich. Davon hat sich das Projekt erfreulicher Weise erholen können und wird mit der anstehenden Eröffnung der Ambulanz und der Bettenstation seinen Betrieb langsam hochfahren. In rund zwei Jahren soll das Krankenhaus dann voll ausgelastet sein – mit Chirurgie, Geburtsklinik und Pädiatrie. Obwohl dezentral im Süden direkt an der Küste errichtet, hat das Krankenhaus ein Einzugsgebiet von rund zwei Millionen Menschen – und trotz vorhandener Alternativen dürften angesichts der exzellenten technischen Ausstattung für Behandlungen selbst einige Hauptstädter den Weg ins 170 Kilometer entfernte Kampot antreten.

Das Budget wird im Vollbetrieb rund 1,5 Mio. US-Dollar jährlich betragen. Auch hier steht die Kill-Stiftung mit einer Anschubfinanzierung zur Verfügung. Dennoch gilt der nachhaltige Betrieb des Krankenhauses, in dem auch Erwachsene behandelt werden, als große Herausforderung. Der kambodschanische Staat hat immerhin das mehrere Hektar große Areal kostenlos zur Verfügung gestellt, auf dem der Architekt Hans Haff in einer bemerkenswerten Kombination aus Funktionalität im Bauhaus-Stil und kambodschanischer Architekturtradition das Krankenhaus in Campus-Form errichtete. Die technische Ausstattung genügt modernsten Standards und dürfte auf lange Zeit in ganz Kambodscha konkurrenzlos sein. Allein das Überdrucksystem, das für die Chirurgie installiert wurde, wird mögliche Kontaminationen verhindern. Auch Notfallstromsysteme oder die Trinkwasseraufbereitung gehören zum Besten, was aktuell technisch möglich ist. Die Kosten für Bau und Ausstattung belaufen sich auf acht Millionen Dollar und stellen damit zweifellos eine gewichtige Ergänzung zur staatlichen Entwicklungszusammenarbeit Deutschlands dar, die sich neben ländlicher Entwicklung ebenfalls auf den Gesundheitssektor fokussiert.

Dr. Yos Phanita erklärt das Überdrucksystem der Chirurgie, mit dem die Kontamination des Operationssaals verhindert wird. Das Krankenhaus ist technisch auf dem neusten Stand und wird bei Eröffnung zur modernsten Gesundheitseinrichtung in ganz Kambodscha. (Foto: Karbaum)

Obwohl derzeit noch intensiv um Spenden gebeten wird, ist es das ausdrückliche Ziel, spätestens in fünf Jahren vollständig davon unabhängig zu sein. In einem undemokratischen Land, in dem die Elite Entwicklung nicht mit funktionsfähigen Krankenhäusern und Bildungseinrichtungen gleichsetzt, sondern an der Zahl ihrer Luxusautos und Prunkvillen misst, ist ein solcher Anspruch fraglos nicht einfach zu verwirklichen – wenn auch alternativlos. Daher wird die Behandlung im Krankenhaus nicht kostenlos, aber erschwinglich sein – und wohlhabende Patienten werden deutlich mehr bezahlen müssen als tendenziell mittellose. Die Wirkung des Krankenhauses auf Mütter- und Kindersterblichkeit werde unmittelbar spürbar sein, so Dr. Yos Phanita, Repräsentant der Kill-Stiftung in Kambodscha, in einem lesenswerten Bericht des Southeast Asia Globe. Die Kindersterblichkeitsrate liegt bei 90 Todesfällen pro 1.000 Lebendgeburten – nicht nur achtzehnmal mehr als in Deutschland, sondern auch höher als in fast allen anderen Ländern Südostasiens. Sie zu reduzieren ist ebenso eines der Millenniumsziele Kambodschas wie die Müttersterblichkeit: Auf 100.000 Geburten kommen in Kambodscha derzeit immer noch mehr als 450 Todesfälle, während es in Deutschland nur zwölf sind. Die Fortschritte sind bisher allerdings eher bescheiden, die Erreichung beider Ziele bis 2015 bleibt eher unwahrscheinlich.

Bau und Unterhalt des neuen Krankenhauses lassen allerdings die Hoffnung steigen, dass medizinische Unterversorgung und sterbende Kinder in Zukunft nicht mehr als selbstverständlich hingenommen werden müssen. Das Projekt der Kill-Stiftung stellt dafür nicht nur einen wichtigen Beitrag dar, sondern ist darüber hinaus auch ein Maßstäbe setzendes Beispiel für den Ansatz „Hilfe zur Selbsthilfe“. Viel, sehr viel private Unterstützung wie hier gezeigt ist eher unüblich (vielleicht abgesehen von einigen amerikanischen Milliardären), eröffnet aber ungeahnte Möglichkeiten. Die Kambodschaner werden bald Farbe bekennen müssen, wenn sie selbst die Verantwortung für das Krankenhaus übernehmen. Dahin ist es noch ein weiter Weg, und deswegen gibt Yos Phanita auch unumwunden zu, dass er seinen Landsleuten auch die deutsche Arbeitseinstellung näherbringen möchte. Langfristig müsse der eigenverantwortliche Betrieb („Ownership“),  mit dem erst vor kurzem die erfahrene amerikanische Organisation Hope worldwide betraut wurde, aber in kambodschanische Hände übergehen.

Man kann angesichts der hohen Qualität der Einrichtung durchaus optimistisch sein, was den langfristigen Erfolg des Projekts angeht – auch wenn es in der Entwicklungszusammenarbeit genügend Gegenbeispiele gibt. Denn der Bau eines Krankenhauses ist nur der erste Schritt, der nachhaltige Betrieb aber alle weiteren. Und die werden irgendwann zwangsläufig ohne die Kill-Stiftung gegangen werden müssen.

Die Geburtshilfe soll bis Anfang 2014 eröffnet werden. Noch hat Kambodscha eine der höchsten Säuglings-, Kinder- und Mütter-Sterblichkeitsraten in Südostasien. (Foto: Sonja Kill Stiftung)

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Chevron wird auch 2012 kein Öl fördern

Erst vor wenigen Wochen hatte Premierminister Hun Sen angekündigt, dass ab 12.12 Uhr am 12.12.2012 endlich Öl gefördert werden müsse – andernfalls wolle man dem US-Konzern Chevron die Lizenz in Block A entziehen. Wie die Phnom Penh Post nun berichtet, hat ein Regierungssprecher bestätigt, das dieses Datum nicht mehr zu halten sei. Chevron hat bereits 160 Millionen US-Dollar in Erkundungen und Vorbereitungen investiert, mag sich aber auch knapp neun Jahre nach den ersten Offshore-Funden nicht auf eine endgültige Entscheidung für oder gegen eine Förderung festlegen. Im Laufe des Quartals will der Ölgigant zusammen mit der kambodschanischen Regierung noch eine Erklärung veröffentlichen, ob, wie und gegebenenfalls wann die Aktivitäten im Golf von Thailand in ihre entscheidende Phase treten. Vor allem die Förderbedingungen – das Öl befindet sich nicht in einem einzigen unterirdischen Bassin, sondern verteilt sich auf mehrere Pools – machen es Chevron offensichtlich schwer, zu einer definitiven Entscheidung zu finden. Die soll aber noch in diesem Jahr fallen – sie wird wohl allein auf Basis von Rentabilitätsaussichten gefällt werden, denn technisch scheint die Förderung unproblematisch. Trotz dieser eher schlechten Nachrichten betrachte die Regierung Chevron weiterhin als Partner, so der Sprecher weiter – von einer Kündigung kann also derzeit (noch) keine Rede sein.

Unterdessen haben japanische Experten damit begonnen, in der Provinz Preah Vihear nach Öl zu suchen. Wie die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua berichtet, habe die staatliche Japanese Oil, Gas and Metals National Corporation (JOGMEC) mit seismischen Erkundungen begonnen, bei der innerhalb von vier Monaten 1800 Löcher mit einem Durchmesser von sechs Millimetern und einer Tiefe von bis zu zwanzig Metern gebohrt werden sollen. Laut Aussagen der Cambodian National Petroleum Authority (CNPA) sei die Erkundung für Flora und Fauna völlig ungefährlich. Die von der Regierung als Block 17 ausgewiesene Fläche umfasst rund 6.500 km2 in den Provinzen Kampong Thom, Siem Reap und Preah Vihear.

Um den Mineralölbedarf der Gegenwart zu sichern, hat die kambodschanische Regierung unterdessen angekündigt, das Embargo gegen den Iran ignorieren zu wollen und dort ungeachtet des  internationalen Drucks dort Kunde bleiben zu wollen. Für die Zukunft ist sogar geplant, Rohöl aus dem Iran zu importieren, das dann in Kambodscha raffiniert werden soll, bevor es nach China und Südkorea weiterverkauft wird.

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Tribunal in Geldnot

Wäre mit dem deutschen Persönlichkeitsrecht wohl kaum vereinbar: Der Angeklagte Duch wirbt sicherlich alles andere als freiwillig auf diesem offiziellen Plakat des Tribunals für seinen eigenen Richterspruch am Freitag.

Die unendlich anmutende Saga um Macht und Performanz rund um das Khmer Rouge-Tribunal ist eine Facette „reicher“ geworden: Das mehr als 300 Personen starke kambodschanische Kontingent muss derzeit auf seine Entlohnung verzichten. Wie die Nachrichtenagentur AFP berichtet, stünden die Gehälter „vom Richter bis zum Fahrer“ im Januar noch aus – und auch im Februar und März ist nicht mit einer Auszahlung zu rechnen. Begründet wird der Engpass mit dem Umstand, dass internationale Geber die kambodschanischen Gehälter finanzieren, und die Verhandlungen darüber finden erst im Februar in New York statt. Das internationale Personal ist von diesem Problem hingegen nicht betroffen.

Schon wird gewarnt, dass der Engpass das Personal demoralisieren könne. Wie ein Sprecher betonte, seien die Mitarbeiter auf das Geld angewiesen, schließlich müssten sie ihre Familien unterstützen. Atemberaubende zehn Millionen US-Dollar, so viel wie im letzten Jahr, erwartet die kambodschanische Regierung von den Gebern für 2012 – pro Person also im Schnitt rund 33.000 Dollar. Angesichts des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf  (nominal rund 800 Dollar) und einem offiziellen Armutsanteil von knapp einem Drittel der Bevölkerung wäre es da weit untertrieben, wenn man von viel Geld sprechen würde. Obwohl es ihnen mehr als gut geht, leben die meisten Angestellten dennoch nicht wie die „Maden im Speck“ – sogenannte Kickbacks, so der gängige Anglizismus für die prozentuale Beteiligung von Stellenvermittlern, Vorgesetzten und sonstigen einflussreichen Personen am Gehalt, können die Gehälter bis zu 40% reduzieren. Da geht also viel ab, es bleibt aber – vergleichsweise – immer noch viel übrig.

Insofern trifft dieser Engpass die führenden Regierungspolitiker auch direkt persönlich, da das Tribunal seit seiner Installierung stets als gern gesehene Einnahmequelle gilt. Zufall oder nicht, dass dieses Thema just in dem Moment auf die Tagungsordnung rutscht, in dem sich die Regierung wochenlang standhaft weigert, den neuen internationalen Ermittlungsrichter zu bestätigen. Wegen einer vorgeblichen Twitter-Affäre blieb die Ernennung des Schweizer Laurent Kasper-Ansermet auch im Januar aus, was von UN-Kreisen bereits öffentlich scharf als Rechtsbruch kritisiert wurde. Die Vereinten Nationen halten bisher jedenfalls an ihrem Kandidaten fest und dürften bei der kambodschanischen Regierung damit durchaus für Irritationen sorgen – waren doch UN-Vertreter in der Vergangenheit bei jedem bisschen Druck und Widerstand aus Phnom Penh umgefallen, eingeknickt, zurückgewichen.

Ob es jetzt zu einem Kuhhandel kommt, ist jedoch eher nicht zu erwarten, die üppigen Transfers – wohl auch Steuergelder aus Deutschland – dürften bald wieder fließen. Die Vereinten Nationen als deren Treuhänder werden dennoch die Gelegenheit nutzen, auf eine schnelle Beilegung des Konflikts zu drängen – und vielleicht auch dezent darauf hinweisen, dass Kambodscha im Oktober in den UN-Sicherheitsrat gewählt werden möchte. Da wäre ein wenig mehr Kooperation sicherlich nicht nachteilig, sollte man doch meinen!

Bei diesem ganzen Hickhack könnte man glatt vergessen, dass am Freitag endlich (eineinhalb Jahre nach dem Schuldspruch und fast ein Jahr nach Ende der Berufungsverhandlung) das Appelationsgericht das endgültige Urteil gegen Duch, wie Kaing Guek Eav als Chef des Foltergefängnis S-21 genannt wurde, verkündet wird. Ein weiterer historischer Moment für Kambodscha – man mag wenigstens noch hoffen dürfen, dass das Tribunal diesbezüglich noch einige weitere mehr produzieren wird. An zu wenig Geld kann es jedenfalls definitiv nicht liegen.

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Trotz Flut fährt Kambodscha insgesamt eine gute Reisernte ein

Die Reisanbaumethode SRI verspricht kambodschanischen Bauern höhere Erträge. Bis 2015 soll nach Planungen von Premierminister Hun Sen jährlich sogar eine Millionen Tonne Reis in den Export gehen. (Foto: Isabel M. Lichtnau)

Ein Gastbeitrag von Claudius Bredehöft

Kambodscha ist nach wie vor sehr ländlich geprägt, die überwiegende Mehrheit der Menschen ist in der Subsistenzwirtschaft aktiv. In den letzten Jahrzehnten hat es das Land geschafft, die Ernährungslage erheblich zu verbessern. Dennoch bergen Kambodschas Böden viel Potential, das allerdings noch nicht effektiv genug genutzt wird. Mit geschätzten 8,4 Mio. Tonnen geernteten Reis 2011 gilt Kambodscha als zwölfgrößter Produzent weltweit, liegt im regionalen Vergleich aber weiterhin deutlich hinter den Nachbarn Vietnam (41,5 Mio. Tonnen) und Thailand (30 Mio. Tonnen).

CEDAC´s (Centre d’Etude et de Développement Agricole Cambodgien) Präsident Dr. Yang Sang Koma bestätigt die Schätzung. CEDAC ist Kambodschas größte Nichtregierungsorganisation in der ländlichen Entwicklung. Sie schult Reisbauern nach der Methode SRI (System of Rice Intensification). Die Methode, die eine nachhaltige Nutzung von natürlichen Ressourcen und einen Verzicht auf externe Inputs wie z.B. Kunstdünger oder Pestizide beinhaltet, wurde Anfang der 80er Jahre vom französischen Jesuiten Henri de Laulaine auf Madagaskar entwickelt und erfreut sich seit rund fünfzehn Jahren auch zunehmender Verbreitung in Asien. Durch den Verzicht auf externe Inputs ist Reis nach SRI dem organischen/biologischen Anbau gleichzusetzen.

In der Provinz Takeo erzielte der nach SRI angebaute Reis 2011 durchschnittlich 4,3 Tonnen pro Hektar. Zum Vergleich: Der Durchschnittsertrag in Kambodscha lag 2010 laut Welternährungsorganisation FAO bei 2,9 Tonnen je Hektar. Der organisch produzierte Reis wird von CEDAC national und international vermarktet. Ein internes Kontrollsystem und eine darauf folgende externe Zertifizierung garantieren den  Bio-Standard. Die Landwirte sparen Kosten für Betriebsmittel und bekommen von CEDAC einen Preisaufschlag. „Weniger ist oft mehr“, fasst Dr. Yang Sang Koma zusammen.

Um die Wertschöpfungskette des Bio-Reis vom Feld bis zum Verbraucher in Kambodscha und international aufzubauen, wird CEDAC von der GIZ fachlich unterstützt. Die Landwirte werden in der Produktion, Zertifizierung und Formierung von Produzentengruppen geschult. Die Resultate sind vielschichtig: Der Boden wird nachhaltiger bewirtschaftet, was dem Verlust der Bodenfruchtbarkeit und Erosion vorbeugt. Das Einkommen der Familien wird gesteigert, nicht nur durch Direktverkäufe an CEDAC. Die Produzentengruppen treten selbstbewusster auf dem Markt auf und können auch für weitere landwirtschaftliche Produkte einen höheren Preis in den Verhandlungen mit den Zwischenhändlern erzielen.

Die kambodschanische Regierung plant bis 2015 eine Mio. Tonnen Reis direkt zu exportieren. Das Exportgeschäft von kambodschanischem Reis wurde in der Vergangenheit hauptsächlich durch Vietnam und Thailand getätigt. Dieses lukrative, weil deviseneinträgliche Geschäft soll die kambodschanische Reisbranche nun selbst übernehmen. Dazu wurde auf dem „Cambodia Rice Forum“ im Oktober 2011 mit der Regierung und der Branche über entsprechende Initiativen diskutiert – was auch auf ein hohes öffentliches Interesse stieß. Noch mangelt es an Kapazitäten der Mühlen, die den Reis für den internationalen Markt aufbereiten können. Außerdem sind weitere Investitionen in die Logistikinfrastruktur (Häfen in Sihanoukville und Phnom Penh sowie Straßennetze) erforderlich, um den Reisexport zu steigern. Ziel ist es, den gesamten Exportprozess schneller und kostengünstiger für die involvierten Unternehmen zu machen, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Aber auch die Entwicklung einer Identität, einer einprägsamen Marke spielt eine kaum zu unterschätzende Rolle bei dem Versuch, die Weltmärkte zu erobern.

Der mögliche Erfolg des organisch angebauten Reis könnte in den nächsten Jahren durchaus wegweisend für die Ausrichtung weiter Teile der kambodschanischen Landwirtschaft werden. Noch besetzt die ökologische Landwirtschaft in Südostasien zwar nur eine Nische, aber ihr wirtschaftlicher Erfolg könnte angesichts der steigenden Beliebtheit von Bio-Produkten der ganzen Branche zum Durchbruch verhelfen.

Für Kambodschas hochgesteckte Exportziele kann der Bio-Reis in den nächsten Jahren sicherlich noch einen wesentlichen Beitrag leisten. Letztendlich bedeuten diese Anstrengungen eine weitere Möglichkeit, vielen Bauern einen Weg aus der Armut aufzuzeigen. Denn höhere landwirtschaftliche Erträge bedeuten nicht nur mehr Nahrung, sondern auch Zugang zu Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen, der ohne entsprechende finanzielle Mittel leider noch zu häufig versperrt ist.

Claudius Bredehöft ist für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit in Takeo, Kambodscha. Der Agrarökonom berät dabei CEDAC, Kambodschas größte Nichtregierungsorganisation in der ländlichen Entwicklung.

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Jagdszenen in Snuol

Augenzeugen berichteten aus Snuol, auf die Menschen sei geschossen worden "wie auf Tiere". (Foto veröffentlicht auf KI-Media)

Es ist Kambodschas Konfliktmuster par excellence: Einem Unternehmen, in diesem Fall die TTY Co. Ltd., wird durch die Regierung eine Konzession zum Anbau von Kautschuk gewährt. Dass auf dem ausgewiesenen Grund und Boden bereits andere Menschen in aller Regel legale Besitzansprüche geltend machen, führt angesichts der enormen wirtschaftlichen Bedeutung der Fläche für jeden Bauern dann meist zwangsläufig zu existentiellen Konflikten. Wie jetzt in Snuol, Provinz Kratie: Rund 200 Menschen wollten am 18. Januar ihre Kassava-Anbaufläche vor den anrückenden Bulldozern der TTY schützen, die selbige dem Erdboden gleichmachen wollten. Ohne Vorwarnung eröffneten Sicherheitskräfte der Firma mit Kalaschnikows der Baureihe AK-47 das Feuer auf die Menge und verletzten dabei mindestens vier Personen, eine davon schwer.

Die Konzession bezieht sich auf rund 9000 Hektar und wurde 2008 gewährt. Angeblich steht die TTY in Verbindung mit einem Zwei-Sterne-General, der im Verteidigungsministerium tätig ist. Lokale Polizeikommandeure verwehrten sich gegen Vermutungen, die Schützen stammten aus ihren Reihen. Nach ihnen wird derzeit gefahndet, nicht auszuschließen, dass sie bereits in Vietnam untergetaucht sind. Nach dem Beschuss blockierten die Anwohner einen Highway; umfassende Verhandlungsangebote der zuständigen Provinz- Distriktgouverneure wurden laut Phnom Penh Post zurückgewiesen – ein untrügerisches Zeichen, wie wenig die Menschen den Repräsentanten des Staates noch vertrauen.

Gewaltsam ausgetragene Landdispute sind in den letzten Jahren immer häufiger geworden – land-grabbing und Zwangsvertreibungen gelten als die größten gesellschaftlichen Konflikte Kambodschas. Allein auf Basis kambodschanischer Regierungsangaben lässt sich ermitteln, dass bereits mehr als die Hälfte der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche Kambodschas (54,9%, Stand Oktober 2011) als agroindustrielle Landkonzessionen ausgewiesen sind – die Dunkelziffer dürfte hingegen noch höher liegen. Snuol, Borei Keila oder auch Boeung Kak zeigen, dass sich der sorglose Umgang mit Landbesitzrechten zu echten Zeitbomben mit erheblicher Sprengkraft entwickelt – weitere Eskalationsformen sind leider nicht unwahrscheinlich.

Der Anteil agroindustrieller Landkonzessionen (2 Mio. Hektar) und Schürfrechte zur Gewinnung von Bodenschätzen (1,9 Mio. Hektar) an Kambodschas gesamter Landfläche betrug im Oktober 2011 bereits 22 Prozent. (Quelle: Licadho)

 

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