Nachtrag zur Massenpanik: Die große Verantwortung des Premierministers und das fragwürdige Verhalten des Königs

28. November 2010 | Von Markus Karbaum | Keine Kommentare »

Chea Kean, stellvertretender Generalsekretär des Festivalkomitees der kambodschanischen Regierung, hat angekündigt, dass es trotz der Massenpanik mit 347 Toten im nächsten Jahr wieder ein Wasserfestival geben werde. Das Fest sei eine alte Tradition und werde wieder wie gewohnt durchgeführt, obwohl es noch zu früh sei um abschätzen zu können, ob wieder so viele Gäste nach Phnom Penh kämen. Wie AFP weiter berichtet, soll bereits in der kommenden Woche ein vollständiger Bericht über die Tragödie veröffentlicht werden.

Sorgen um die Anzahl der Besucher im kommenden Jahr, umfassende Berichte, wofür andere Länder im Bestreben nach Sorgfalt oft Monate brauchen – Kambodschas Offizielle geben auch nach der Tragödie ein miserables Bild ab. Langsam werden die Rufe lauter, die danach fragen, wer eigentlich für die Vorkommnisse verantwortlich sei. Ins Zentrum der Kritik stehen vor allem Phnom Penhs Gouverneur Kep Chuktema und der Polizeichef der Hauptstadt Touch Naroth, die beide eine eigene Verantwortlichkeit für die Tragödie ablehnen. Sowohl Kep als auch Touch gehören dem Gefolge von Premierminister Hun Sen an und dürften von sich aus die Verantwortung wohl auch nicht übernehmen, solange ihr Patron dies nicht verfügt. So gerät auch der Regierungschef in den Fokus der Kritiker, die schon über seine vergossenen „Krokodilstränen“ argwöhnten.

Ouk Vanna, Wissenschaftler und Mitglied der königlichen Akademie, hat gegenüber Radio Free Asia einige dieser strukturellen Zusammenhänge sehr treffend beschrieben: Zum einen sei ein Mangel von Fachwissen und Expertise der Sicherheitskräfte verantwortlich, dass nicht nur dieses Wasserfestival, sondern auch alle anderen davor völlig planlos organisiert worden seien. Neben den schweren Mängeln in der Gefahrenabschätzung und in der Einsatzplanung und die sichtbare Überforderung der Polizisten aufgrund fehlender Führung kritisiert Ouk aber vor allem das Selbstbild der Sicherheitskräfte, ihren Mangel an Moral, Gewissen und Disziplin. Straßensperren rund um das Wasserfestival seien auch in diesem Jahr wieder mehrheitlich als private Mautstationen missbraucht worden, an denen Fahrzeuge nicht abgehalten wurden, sondern gegen Zahlungen über 2,5 USD bis 5 USD passieren durften.

Es ist eben dieses Verhalten, das nicht nur geduldet wird oder nicht ausreichend in den eigenen Reihen der Polizei geahndet wird, sondern das zum Organisationsprinzip des kambodschanischen Staates gehört. Man kommt nur bei bedingungsloser Loyalität zur regierenden Kambodschanischen Volkspartei und gegen immense Schmiergeldzahlungen in fast alle öffentlichen Positionen und muss monatliche Beträge an Vorgesetzte abführen, die nur über korruptive Praktiken erwirtschaftet werden können. Die korrupten Verkehrspolizisten kassieren also nicht nur für sich selbst ab, sondern auch für ihre Offiziere, die wiederum auch für ihre Kommandeure, und irgendwann endet dieser bergauf rollende Schnellball nach Provinzgouverneuren, Staatssekretären und Ministern an der Spitze der Hierarchie. Dieses System ist das entscheidende Wesensmerkmal des staatlichen Organisationsprinzips Kambodscha, und deswegen richtet sich der Ruf nach Moral, Gewissen und Disziplin an niemand anderen als Hun Sen. Letztendlich war die Massenpanik politisch induziert, und solange sich diese politischen Prinzipien nicht radikal ändern, sind solche Tragödien auch in Zukunft leider weiterhin wahrscheinlich. Mit feudalen Methoden kann man halt keinen modernen Staat regieren!

Deshalb ist der Feststellung der Bangkok Post in einer lesenswerten Analyse ohne Einschränkung zuzustimmen, dass die Tragödie nicht nur vorhersehbar, sondern auch vermeidbar gewesen wäre. Man rufe sich nur noch einmal das Verhältnis von 347 zu 395 Verletzten ins Gedächtnis um zu begreifen, wie brisant die Situation auf der Brücke gewesen sein muss. Oft übersteigt die Zahl der Verletzten die der Toten um ein Mehrfaches, aber in diesem Fall handelte es sich um eine Todesfalle mit fast 50 prozentiger Exituswahrscheinlichkeit. Dazu kursieren Gerüchte, wonach Polizisten – sicherlich unabsichtlich – die Panik sogar noch angestachelt haben dürften, weil sie weder ausgebildet sind noch professionell geführt werden. Die Tragödie schreit also nach Veränderungen und tief greifenden Reformen, die nur einer imstande ist durchzusetzen: Hun Sen. Ob er dazu gewillt ist, muss aufgrund seiner bisherigen politischen Schwerpunktsetzung allerdings eindeutig verneint werden.

Aber es war dann, trotz aller berechtigten Vorwände, doch nicht der Regierungschef, der Anlass für die schärfste Kritik in dieser Woche gab: König Norodom Sihamoni hat sich in einem Moment, in dem sein Volk Beistand und moralischen Halt gesucht hat, praktisch in Luft aufgelöst. Keine Trauerrede, kein Besuch in den Krankenhäusern und schon gar kein Ruf nach umfassender Aufklärung. Lange galt der Machtanspruch Hun Sens als größte Bedrohung für die Monarchie in Kambodscha, aber mittlerweile ist es das Amtsverständnis des Mannes selbst, der auch im siebten Jahr seiner Regentschaft offensichtlich immer noch erhebliche Schwierigkeiten hat, ein wahrhaft königliches Verhalten an den Tag zu legen. Werden ihm von Dritten so starke Fesseln angelegt, dass er selbst als (unpolitische) Symbolfigur nicht mehr auftreten darf? Hat er Berater, die ihm absichtlich zu völlig falschen Verhaltensweisen raten, weil sie eigene politische Ziele verfolgen? Wie auch immer: Sihamoni enttäuscht seine Landsleute maßlos und entwickelt sich zum Grabträger der Monarchie in Kambodscha. Und wohl niemand würde ihn ob seiner Unverbindlichkeit ernsthaft vermissen, dankte er noch heute ab.

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Massenpanik: Doch weniger Tote und Verletzte

25. November 2010 | Von Markus Karbaum | Keine Kommentare »

Das mit dem Unglück vom Montag befasste Regierungskomitee hat die Zahl der Todesopfer drastisch nach unten korrigiert. Laut der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua seien „nur“ 347 Menschen ums Leben gekommen (unter ihnen 126 Männer und 221 Frauen), außerdem habe es nur 395 anstatt 755 Verletzte gegeben. Man mag sich trotz aller gebotenen Pietät und Dezenz schon fragen, ob es sich hier wieder einmal nur um ein peinliches Stück aus dem kambodschanischen Tollhaus handelt, dass man sich sogar beim Abzählen der Opfer vertut. Was ist denn mit der Differenz von vormals 456 ums Leben gekommenen Menschen? Sind das auch Tote, nur aus anderen Zusammenhängen? Oder will man sich bloß einige Entschädigungszahlungen sparen? Die kambodschanischen Behörden zeigen sich nach dem tragischen Unglück genauso überfordert wie vorher auch, als sie es versäumt haben, für angemessene Sicherheitsmaßnahmen zu sorgen. Letztendlich soll die Brücke geschwankt haben, was die Massenpanik ausgelöst habe, aber auch den Behörden sollte man diesbezüglich nicht trauen. Der Fisch stinkt, wie bei so vielen Angelegenheiten auch, vom Kopf, und Aufklärung können nur unabhängige internationale Ermittler gewährleisten, denn der kambodschanischen Regierung fehlt der politische Wille, eine ernst gemeinte, schonungslose und vor allem öffentliche Untersuchung zu erlauben. Das Unglück ist Ausdruck so massiver maroder, von Korruption, Ineffizienz und Inkompetenz zersetzter Staatsstrukturen und könnte die auch gar nicht ausklammern, wollte man zum Kern des Unglücks durchdringen. Aber solange der Machterhaltungstrieb einzelner und persönliche Bereicherungsziele das politische System derart dominieren, bleiben solche Unglücke auch weiterhin absehbare Kollateralschäden.

Und so dominieren wieder Gesten das Geschehen, die ein Beobachter vor einigen Jahren ob ihrer weiten Verbreitung treffend „theatralische Schauspiele“ nannte. So wie die große öffentliche Gedenkfeier am Donnerstag, auf der sogar der mächtige Premierminister seine Tränen nicht zurückhalten konnte. Was für eine Geste, die man nur verstehen kann, wenn man Hun Sen und die kambodschanische Sitten kennt!

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Mittlerweile schon 456 Todesopfer

24. November 2010

Die Zahl der Todesopfer der Massenpanik am Montag ist laut einem kambodschanischen Regierungssprecher auf mittlerweile 456 angestiegen (zwei Drittel von ihnen Frauen und Kinder), fast 800 Menschen wurden verletzt. Noch immer lähmt der tragische Vorfall das ganze Land; gestern kamen dutzende Mönche zur Unglücksstelle, um für die Opfer zu beten. Derweilen verlangte ihre Identifizierung den suchenden Verwandten alles ab: Auf einer Stellwand wurden Fotos der Toten mit teilweise stark entstellten Gesichtszügen veröffentlicht. Unweigerlich fühlt man sich an das Tuol Sleng-Genozid-Museum erinnert, wo noch heute die Fotos der Folteropfer Roten Khmer besichtigt werden können.

Wie die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua berichtet, soll auf der Insel im Gedenken an die Opfer eine Stupa errichtet werden. Neben dieser Geste soll auch Geld fließen, aber nicht ohne Hintergedanken: Mit den Entschädigungszahlungen – 1000 USD pro Todesopfer, 200 USD pro Verletztem – dürfte die juristische Aufarbeitung praktisch beendet sein, da diese strafrechtliche Ermittlungen ersetzen können. Eine solche war jedoch sowieso nicht zu erwarten gewesen: AP berichtet, dass Pung Khiav Se, der Inhaber der bekannten Canadia Bank, ein guter Bekannter von Premierminister Hun Sen sei. In einem der zahlreichen und höchst umstrittenen Landdeals hatte er 2006 Koh Pich („Diamanteninsel“) übernommen, und ihm gehört auch die Brücke, die zur Todesfalle wurde. Vielleicht wird man angesichts der kaum fassbaren Dimension der Tragödie noch ein Bauernopfer finden, aber in diesem Fall sollte man aus Deutschland nun wirklich nicht mit dem Finger auf Kambodscha zeigen, bedenke man nur, wie hierzulande die Massenpanik der Duisburger Loverparade aufgearbeitet wird.

Dennoch darf man vor den zahlreichen Unzulänglichkeiten nicht die Augen verschließen. Wie Spiegel Online völlig korrekt berichtet, waren Phnom Penhs Krankhäuser in der Nacht zum Dienstag völlig überfordert gewesen. Lebensbedrohliche Erkrankungen oder, wie in diesem Fall, schwer verletzte Menschen können auch im großen und besten Krankenhaus des Landes, dem Calmette, nur ansatzweise versorgt werden. Auch die Fernsehbilder hätten Mängel in der Katastrophenversorgung offenbart: Verletzte wurden ohne jedwede Hilfsmitteln getragen, Reanimationsversuche wirkten hilflos und nicht den gängigen Vorgehensweisen entsprechend. Auch die Polizei steht, wie so häufig, in der Kritik: Wie in fast jedem Jahr hat sie es auch dieses Mal wieder nicht geschafft, das Chaos in den Griff rund um das Wasserfestival zu bekommen, wofür vor allem Überforderung und mangelnde Professionalität – vor allem im Bezug auf robuste Einsatzpläne – ausschlaggebend sind.

Letztendlich sind auch diese bedauernswerten Zustände auch eine Folge von Misswirtschaft und Korruption. Dennoch sind langfristige politische Verschiebungen zu Ungunsten der regierenden Kambodschanischen Volkspartei, die etwa von Reuters diskutiert werden, kaum zu erwarten, denn dafür sitzt Hun Sen zu fest im Sattel – trotz Wahlen.

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Massenpanik mit hunderten Toten erschüttert ganz Kambodscha

22. November 2010

Mit großem Entsetzen haben Freunde Kambodschas in Deutschland und weltweit die schrecklichen Nachrichten verfolgt, wonach zum Ende des Wasserfestivals am Montagabend gegen 21.30 Uhr Ortszeit in Phnom Penh mehrere hundert größtenteils junge Menschen in einer Massenpanik den Tod fanden. Noch ist die Nachrichtenlage unklar, aber offensichtlich ereignete sich die Tragödie auf einer Brücke, die die Insel Koh Pich in der Höhe der Nationalversammlung mit der Hauptstadt verbindet. Zum Zeitpunkt des Unglücks sollen sich offenbar mehr als 1000 Menschen auf der Brücke aufgehalten haben, von der zahlreiche Menschen ins Wasser gesprungen seien sollen.

Wir hoffen inständig, dass sich die Opferzahlen trotz gegenteiliger Befürchtungen nicht noch weiter erhöhen und dass diejenigen, die sich derzeit noch in ärztlicher Obhut befinden oder vermisst werden, bald wieder wohlbehalten zu ihren Familien werden zurückkehren können. Unsere Gedanken sind bei denjenigen, die bereits jetzt trauern oder in Ungewissheit auf eine Nachricht ihrer Liebsten warten.

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Prinz Ranariddh: Bloß eine Marionette in einem abgekarteten Spiel?

22. November 2010

Norodom Ranariddh, Halbbruder von König Sihamoni, denkt laut Xinhua über ein politisches Comeback nach, um die royalistischen Kräfte Kambodschas wieder zu einigen. Der Prinz war einer der führenden Politiker Kambodschas seit der UNTAC-Mission und amtierte als Erster Premierminister, bis er im Juli 1997 durch Hun Sen gewaltsam gestürzt wurde. Zwischen 1998 und 2006 führte er anschließend als Präsident die Nationalversammlung. Obwohl auf Lebenszeit gewählt, wurde Ranariddh im Herbst desselben Jahres – wenige Monate nach seinem Rückzug als Parlamentspräsident – als Vorsitzender der Funcinpec, der royalistischen Partei, gestürzt. Prompt gründete er eine eigene, nach ihm benannte Partei und erhielt bei den Parlamentswahlen 2008 mit 5,6% der Stimmen zwar einen halben Prozentpunkt mehr als die Funcinpec, aber wie diese nur zwei mehr oder weniger bedeutungslose Sitze. Damit war die royalistische Bewegung endgültig in der politischen Bedeutungslosigkeit angekommen, obschon sie bereits seit den 90er Jahren allgemein als Apanagepartei galt. Ranariddh zog sich kurz nach den Wahlen zurück, um als Berater seines jüngeren Bruders am Königshof zu arbeiten. Die Norodom Ranariddh Partei heißt seit dem Nationalist Party und wird von Chhim Seakleng, einem engen Vertrauten des Prinzen, geführt.

Der Prinz galt für über ein Jahrzehnt als Intimfeind Hun Sens, beide waren die Protagonisten des politischen Tauziehens nach dem Bürgerkrieg. Dabei hatten die Royalisten eigentlich nie eine echte Chance, denn obwohl sie 1993 die einzigen echten freien und fairen Wahlen in Kambodschas Geschichte gewannen, besaßen sie nie die physischen Machtressourcen und verfügten auch nicht über vergleichbare enge Verbindungen zu vermögenden Unternehmern wie ihre Widersacher von der Kambodschanischen Volkspartei (KVP). Viele lasteten den lang anhaltenden Niedergang der Partei ihrem Präsidenten an, dem aber angesichts der asymmetrisch verteilten Machtmittel eigentlich nie eine echte Durchsetzungschance in einem Land hatte, dessen liberalen und demokratischen Institutionen zunehmend bedeutungsloser wurden. Einzig nach den Parlamentswahlen 2003 weigerte er sich über ein knappes Jahr, die Koalition mit der KVP fortzusetzen. Auf einen Partner war Hun Sen damals noch angewiesen, da zur Regierungsbildung eine Zweidrittelmehrheit im Parlament gefordert war. Am Ende war es unter dem Strich aber nur Geld, aber keine politischen Konzessionen, die Ranariddh zum Einlenken bewegten.

Pikanterweise soll es gerade Hun Sen sein, der seine marginalisierten Gegner wieder aufpäppeln möchte. Angesichts des völlig restriktiven Parteienrechts wäre es ihm auch ein leichtes, diese Bestrebungen zu verhindern. Aber offensichtlich hat er Gefallen an diesen willfährigen Politikern gefunden, die Oppositionsarbeit so unkritisch interpretieren, wie sich das wohl jeder autokratisch regierende Premierminister der Welt wünscht. Im Kampf gegen die kritische Sam Rainsy Party, gegen die Hun Sen mit allen Mitteln vorgeht (fast so wie in den 90er Jahren die Funcinpec), braucht er für die westlichen Geber ein demokratisches Feigenblatt, sprich alternative politische Parteien, die maximal knapp zweistellige Ergebnisse bei Wahlen einfahren und dann vielleicht eine handvoll Abgeordnete in der Nationalversammlung stellen. Außerdem wusste Hun Sen immer, die politischen Kräfte jenseits seiner KVP zu spalten; allein deshalb gehören auch heute noch sieben Funcinpec-Minister – allesamt ohne Aufgabenbereich – seiner Regierung an.

Es bleibt allerdings zu hoffen, dass sich die Entwicklungshelfer, Diplomaten und andere Experten kein Sand in die Augen streuen lassen und diesen taktischen Zug als solchen erkennen, der er in Wahrheit ist: ein abgekartetes Spiel im anhaltenden Kampf gegen politischen Pluralismus in Kambodscha.

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Im Nachgang zum Bon Om Touk

22. November 2010 | Von Alfred Wilhelm Meier

Ein achtjähriger Junge ist am ersten Tag des Bootfestivals Bon Om Touk im Tonle Sap ertrunken. Im weiteren versanken fünf Wettkampfboote in den Fluten des Flusses, zwei Ruderer wurden dabei verletzt.

Der Knabe sammelte Petflaschen und Alu-Büchsen entlang des Flussufers, als er von einer Welle erfasst und unter das Boot des Royal Palace geschemmt wurde. Er ist noch nicht gefunden worden.

Gemäß Polizeiberichten sammeln jeweils bis 100 Kinder verwertbaren Abfall aus dem Fluss und entlang des Tonle Sap-Ufers.

Bei den Bootskollisionen kamen lediglich zwei Wettkämpfer zu Schaden: Bein- und Armbruch. Alle andern konnten unverletzt aus dem Fluss gerettet werden. Den meisten mussten dabei die Rettungskräfte schnell helfen, da die wenigsten schwimmen können.

Im weiteren mussten bis am frühen Montagabend lediglich vier verdächtige Personen wegen Diebstahl festgenommen werden. Und zwei vermisste Kinder fanden den Weg glücklich zurück zu ihren Eltern.

Und das alles bei geschätzten drei Millionen Besuchern.

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Amerikanische Streitkräfte-Kooperation in der Kritik

21. November 2010

Die militärische Zusammenarbeit zwischen Kambodscha unter den USA ist schon seit längerer Zeit umstritten. Die Onlineausgabe des Time Magazin hat jetzt nachgelegt und Vorwürfe konkretisiert, dass notwendige Überprüfungen der Truppenteile des Partnerlandes nicht, wie gesetzlich gefordert, hinsichtlich ihrer Menschenrechtsverletzungen überprüft worden seien. Konkret handelt es sich um 31. Marineinfanteriebrigade, die 911. Luftlandebrigade, die 70. Infanteriebrigade und die neu geschaffene Anti-Terrorismuseinheit, die von Brigadegeneral Hun Maneth kommandiert wird, dem Sohn vom Premierminister Hun Sen. Vor allem die erst- und die letztgenannten Truppen sollen Unterstützung durch die amerikanischen Streitkräfte erhalten haben, obwohl sie 1997 angeblich als ausführende Einheiten von geheimen Exekutionen in den Putsch von Hun Sen gegen den damaligen Ersten Premierminister Norodom Ranariddh verwickelt gewesen waren und bis in die Gegenwart mit schweren Menschenrechtsverletzungen wie land-grabbing und Zwangsvertreibungen in Verbindung gebracht werden.

Das Problem der Amerikaner sei, so der Bericht, dass einzelne Soldaten überprüft würden, nicht aber die umstrittenen Truppenteile selbst. Anstatt zu argumentieren, dass eine Kooperation so lange nicht möglich sein kann, wie Verantwortliche für Mord und andere Menschenrechtsverletzungen nicht zur Rechenschaft gezogen werden, mündet die Einzelüberprüfung dann immer mehr oder weniger automatisch in der Ermöglichung der Zusammenarbeit. Dieses Problem ist allerdings nicht besonders neu, denn in nahezu allen Erdteilen kooperieren die amerikanischen Streitkräfte mit fremden Truppen, die Menschenrechtsverletzungen begangen haben oder sogar noch begehen. Diese neue Doktrin, wenn auch nicht gesetzlich gedeckt, ist seit dem 11. September 2001 eigentlich auch gar kein Geheimnis mehr, sondern gehört offensichtlich zur sicherheitspolitischen Staatsräson der USA.

Ganz exemplarisch für alle anderen Länder wird auch im Fall Kambodschas ganz eindeutig um das Kernproblem herumgeredet. Es ist doch eher irrelevant, wer die Menschenrechtsverletzungen begeht, solange politische Führer sie nicht ahnden, von ihnen direkt und indirekt profitieren oder sie selbst gar befohlen haben. Und solange der Fisch vom Kopf her stinkt, ist alles andere eine Scheindebatte, die mit der politischen Wirklichkeit nicht viel gemein hat.

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Warum es besser ist, die Bodenschätze dort zu lassen, wo sie sind

20. November 2010

Die Exploration von Bodenschätzen ist ein Thema, mit dem sich Kambodscha seit einigen Jahren beschäftigt. Mit Rohstoffen, so die Hoffnung, könnte das Land einen großen Entwicklungsschritt vorwärts machen. Beispiele aus anderen Ländern Afrikas mit einem ähnlich ineffizienten und korrupten öffentlichen Managementsystem haben zwar schon überaus deutlich bewiesen, dass dieser Schritt wohl nur einer kleinen Gruppe als dem ganzen Volk zu Gute kommen dürfte. Langsam aber sicher verdichten sich die Anzeichen, dass es jedoch noch nicht einmal soweit kommen wird: Wo nichts ist, kann auch nichts gefördert werden.

Die Förderung von Öl und Gas vor Sihanoukville, das exponierteste aller Projekte des Landes, ist wieder verschoben worden, nachdem es eigentlich 2011 hätte losgehen sollen. Vor allem Premierminister Hun Sen scheint dies gar nicht passen und forderte die lizenzierten ausländischen Unternehmen auf, den Förderbeginn nicht noch einmal platzen zu lassen. Die Einnahmen sind wohl schon verplant gewesen, was die Nervosität erklären könnte. Vielleicht ist alles aber noch viel schlimmer: In Phnom Penh kursieren Gerüchte, dass die möglichen Einnahmen der kommenden Jahre schon längst vorab kassiert worden seien – in Form von informellen Lizenzgebühren und anderen Zuwendungen an die beteiligten Politiker.

Auch in anderen Segmenten sieht es nicht besser aus: So sollen 25 verschiedene Minerale, Erze und Metalle – u. a. Bauxit, Zink, Gold, Eisen und Edelsteine – in Kambodschas Böden liegen, aber wohl nicht in den Mengen, als dass sich eine flächendeckende industrielle Förderung lohnen würde. Rund 60 internationale Firmen, vornehmlich aus Australien, China, Malaysia, Südkorea, Thailand und Vietnam, haben Lizenzen erworben, um Erkundungen im ganzen Land vorzunehmen, aber offensichtlich haben sie die große Entdeckung auch bisher noch nicht gemacht – oder sie mauern und halten Informationen zurück, wie man aus einer Stellungnahme von Industrie- und Bergbauminister Suy Sem gegenüber Voice of America schließen kann.

Auch der aktuelle Schlager der internationalen Rohstoffhitparade wird in Kambodscha mitgesungen: Seltene Erden sind, wie der Name schon verrät, eben nicht besonders häufig in der Natur zu entdecken. Sie sind aber wichtige Bestandteile in vielen modernen industriellen Produkten, etwa in Batterien, Elektromotoren und als Leuchtmittel in Röntgenbildern, modernen Fernsehbildschirmen und Energiesparlampen. Ohne zu wissen, ob Kambodscha nun tatsächlich auf relevanten Vorkommen an Scandium, Yttrium, Lanthan und den vierzehn Lanthanoide sitzt, hat die Regierung schon einmal vorsorglich angekündigt, 2015 mit ihrer Förderung zu beginnen. Am besten auch Lithium, den das erfreut sich schließlich auch einer hohen weltweiten Nachfrage.

Ob auch hier wieder der Wunsch Vater des Gedanken ist, bleibt abzuwarten. Der kambodschanischen Bevölkerung dürfte es fast egal sein, denn angesichts der grassierenden Korruption in den höchsten Amtsstuben hat sie von einer gewinnbringenden Förderung praktisch nichts zu erwarten. Ganz im Gegenteil dürften die Bodenschätze mit Begleiterscheinungen aufwarten, die sogar schädlich sind: Noch mehr land-grabbing, entschädigungslose Enteignungen und gewaltsame Vertreibungen, um das Land für die Förderarbeiten bereitzustellen, sind überaus wahrscheinlich. Und dann noch die zu erwartenden Umweltschäden, die mit dem Abbau meist einhergehen: Durch den Einsatz aggressiver Chemikalien drohen ganze Gegenden verseucht und auf Dauer unbewohnbar gemacht zu werden.

Somit braucht Kambodscha also keine Rohstofffunde, um sich zu entwickeln, sondern erst einmal solche politischen Rahmenbedingungen, die deren gewinnbringende Förderung erst einmal ermöglichen: Eine transparente, auf rechtlichen Grundsätzen aufgebaute und professionell gemanagte öffentliche Verwaltung; Umweltgesetzte mit eindeutigen und unantastbaren Standards inklusive Verfahren zu Umweltfolgeabschätzungen; die Anwendung des bestehenden Landrechts; unabhängige Gerichte, an denen betroffene Bürger ihr Recht einklagen können und wo Fehlverhalten öffentlicher Amtsträger angemessen sanktioniert wird; eine massive Reduktion der Korruption, die all das geforderte hier ansonsten ad absurdum führt; und zu allererst Politiker, die der Allgemeinheit gegenüber verantwortlich sind und nicht ihren partikularen Interessen dienen. Wenn aber alles so bleibt wie bisher, ist es in jedem Fall das Beste, sämtliche Bodenschätze in der Erde zu lassen und auf bessere Zeiten zu warten. 

Naive Forderungen? Wenn dem so wäre, dann gäbe es kein Grund, warum die Bundesrepublik Deutschland überhaupt noch politische Berater nach Phnom Penh schickt. Die Ortskräfte der politischen Stiftungen, der GTZ und des DED agieren mit öffentlichen Mitteln; dabei ist es kein Geheimnis, dass erheblicher Teil für die eigenen Gehälter draufgeht. Das ist völlig unproblematisch, solange wünschenswerte Resultate erzielt werden. Die lassen aber nach wie vor auf sich warten, und bisher gibt es keine Anzeichen, dass sich in nächster Zeit daran irgendetwas ändern würde. Vielleicht fehlt bei diesen Entwicklungshelfern selbst das Verantwortungsgefühl, über ihre Arbeit Rechenschaft ablegen zu müssen, aber vielleicht fordert die auch niemand ein.

Die Leittragenden sind immer die Kambodschaner, die Entwicklungshelfer müssen ja nicht dableiben, sondern fliegen nach einigen Jahren zum nächsten Problemfall. „Lords of Poverty“ wurden sie ob ihres inakzeptablen Verhaltens von Graham Hancock genannt, aber auch Franz Münteferings Heuschrecken lassen sich problemlos übertragen.

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Die weltweit größte Party des Wochenendes steigt in Phnom Penh

18. November 2010

Nur noch wenige Stunden bis zum Wasserfestival! Es zieht die Massen magisch an: Zwei Millionen Menschen werden in Phnom Penh erwartet, vor allem die Khmer aus den Provinzen strömen in die Kapitale. Es weist die Menschen aber auch ab: Hauptstädter, die es sich leisten können, flüchten vor dem chaotischen und hektischen Gewimmel und genießen ein ruhiges Wochenende in ruhigeren Gegenden. Der Höhepunkt sind auch in diesem Jahr wieder die Boostrennen auf dem Tonle Sap, in diesem Fall flussabwärts über eine rund 1700 Meter lange Strecke bis auf die Höhe des Königspalastes. Norodom Sihamoni wird zusammen mit anderen Würdenträgern in seinem royalen Pavillon beste Sicht auf den Zieleinlauf haben. In diesem Jahr werden hoffentlich alle 420 Boote – so viele waren bisher noch nie gemeldet – in beiden Rennen das Ziel erreichen. Insgesamt sind 27.734 Paddler und Ruderer gemeldet, auf die größten Boote passen mehr als 100 Personen. Um die hohen Pensen logistisch überhaupt bewältigen zu können, laufen meist drei bis vier Rennen gleichzeitig. Ganz ungefährlich ist die Sache nicht, 2007 ertranken fünf Teilnehmer aus Singapur in einem tückischen Strudel.

Sicher, der rein sportliche Reiz ist begrenzt, da der Wettbewerbscharakter der Bootsrennen quasi inexistent bleibt. Aber darauf kommt es ja auch gar nicht an: Es ist in aller erster Linie eine große Party mit vielen Veranstaltungen und aufgrund der realen Bevölkerungsstruktur ein Fest der jungen Menschen. Es scheint daher nur logisch, dass die staatliche Anti-AIDS-Behörde 450.000 Kondome verteilen wird, wie die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua berichtet. Dabei können sich die meisten auswärtigen Besucher gar keine Unterkunft leisten und werden im freien campieren.

Das dreitägige Fest, das die Kambodschaner Bon Om Tuk nennen, geht zurück auf eine Seeschlacht zwischen den Khmer und den Cham im Jahr 1177, die sich beide Völker auf dem Tonle Sap lieferten. Dieses Ereignis wird im Wasserfestival mit einem anderen Ereignis zusammengelegt, nämlich mit dem Strömungswechsel des Flusses: Der Mekong führt wieder weniger Wasser, weil die Regenzeit zu Ende geht und kaum noch Schmelzwasser im Himalaja den Strom mehr speist. Den Tonle Sap fließt ob des gesunkenen Gegendrucks dann wieder in Richtung Phnom Penh, nachdem er zuvor über ein knappes halbes Jahr landeinwärts in die andere Richtung floss und den gleichnamigen See von 2.500 km² auf bis zu 20.000 km² anschwellen ließ. Rituell befiehlt der König dem Tonle Sap im Rahmen des Festes, wieder in die andere Richtung zu fließen. Dann beginnt auch die Hauptsaison der Fischer, die aus dem zurückweichenden Wasser ihre Beute an Land ziehen. Da in dieser Zeit auch die ersten Reisernten der Saison anstehen, feiern die Khmer traditionell also auch noch den Anbruch einer Jahreszeit, in der es den Menschen in Bezug auf Nahrung besser als sonst geht.

Und zu guter letzt muss am mittleren Tag des Wasserfestivals noch Vollmond sein. Klar, dass dies am Sonntag der Fall ist!

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Drei Gipfel an zwei Tagen sollen regionale Kooperation stärken

18. November 2010

Von der Weltpolitik fast unbemerkt war Phnom Penh in dieser Woche der Veranstaltungsort von gleich drei Gipfeln, die die regionale Kooperation in Festland-Südostasien fördern sollen. Zunächst traf sich Premierminister Hun Sen mit seinen vietnamesischen und laotischen Kollegen, Nguyen Tan Dung und Bouason Bouphavanh, zum sogenannten CLV-Gipfel. Die drei ehemaligen französischen Kolonien sind nicht nur unmittelbare Nachbarn, sondern haben in den letzten Jahren ganz ähnliche Wege beschritten: In Kriegen und Bürgerkriegen mit teils unterschiedlich intensiver Involvierung der USA haben sich jeweils die sozialistischen Strömungen durchgesetzt und dominieren bis heute ihre Länder. Den Club der Diktatoren komplettierte dann Burmas Regierungschef Thein Sein zum CLMV-Gipfel, wobei die Abkürzung des offiziellen Namens Myanmar  gebräuchlich ist. Die Zusammenkunft schien der gefühlte Höhepunkt zu sein, Voice of America berichtet von allseitigen Bestrebungen, die Kooperation in Bezug auf Wirtschaft, Entwicklung und Tourismus weiter auszubauen. Schließlich gesellte sich dann noch Thailands Miniterpräsident Abhisit Vejjajiva zu der illustren Runde, die dann unter der Bezeichnung Ayeyawady-Chao Phraya-Mekong Economic Cooperation Strategy (ACMECS) tagte.

Kambodscha wird 2012 den Vorsitz der regionalen Staatengemeinschaft ASEAN einnehmen. Von dieser prestigeträchtigen Aufgabe wird sich die Regierung neues außenpolitisches Renommee erhoffen, soll dann doch Ost-Timor als elftes Mitgliedsland beitreten.

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