Alles blickt auf Sam Rainsy

“Cambodia is my homeland and my motherland, and I absolutely have to come back in order to save our country. (…) My plans have not changed. Even if I die, it doesn’t matter, I will die as a Khmer (…).”

Klare Ansage. Aber wie jedes ordentliche Drama kommt auch dieses nicht ohne den obligatorischen retardierenden Moment aus: Entgegen den ersten Ankündigungen ist Sam Rainsy (der heute kurzerhand auch noch aus der Nationalversammlung ausgeschlossen wurde, weil die Rechte eines Parlamentsabgeordneten in Kambodscha seit jeher einen – Pardon – Scheißdreck wert gewesen sind) nicht am späten Montagabend nach Phnom Penh zurückgekehrt, sondern hat um 16.05 Uhr Ortszeit von Korea aus auf seinem Facebook-Profil folgende Erklärung abgegeben:

“After consulting with colleagues in Cambodia and a number of international pro-democracy organizations that have suggested that I should arrive in Phnom Penh in broad daylight and that I should also leave some time for diplomatic intervention to materialize with the objective of reaching a peaceful solution to the recent escalation of violence in Cambodia, I am not arriving at Phnom Penh International Airport tonight at 22:20 as originally scheduled, but will be back in Cambodia in the next few days.”

Klingt nachvollziehbar, schließlich muss eine solche Rückkehr ein stückweit  inszeniert werden, doch bei einigen Beobachtern bleiben erhebliche Restzweifel, ob er es in bewährter Manier dann doch noch bevorzugen wird, zu seinem Zweitwohnsitz ins terrorgeplagte Paris zu fliegen. In diesem Fall wäre seine politische Karriere unzweifelhaft beendet, und Hun Sen hätte mit minimalem Aufwand einen existentiellen Triumph erzielt.

Aber das kann ich mir wirklich nicht mehr vorstellen, denn Sam Rainsy weiß sehr genau, was auf dem Spiel steht: alles. Es fragt sich nur, was Hun Sen sich dabei denkt: Es wird von einigen Beobachtern vermutet, er wolle sich des Oppositionsführers entledigen, um das Schicksal der burmesischen Junta zu vermeiden, die die jüngsten Parlamentswahlen krachend verloren hat. Aber ohne die Ikone Aung San Suu Kyi wäre es wohl nie so weit gekommen. Glaubt Hun Sen denn wirklich, mit Sam Rainsy im Gefängnis ließe es sich leichter regieren?

Es werden viele sein, die ihn vom Gegenteil überzeugen wollen. Und das wird ihm noch wehtun. Leider wird es auch andere treffen, aber da müssen die Khmer jetzt durch – genau wie ihr Oppositionsführer.

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Jetzt Rainsy

Der Haftbefehl des Stadtgerichts Phnom Penh, ausgestellt am 13.11.2015.

Der Haftbefehl des Stadtgerichts Phnom Penh, ausgestellt am 13.11.2015.

Die letzten zwei Wochen waren nur die Ruhe vor dem nächsten Sturm: Am Freitag wurde vom Stadtgericht Phnom Penh ein Haftbefehl gegen Sam Rainsy erlassen. Der offizielle Hintergrund ist eine angebliche Verleumdung gegen Außenminister Hor Namhong aus dem Jahr 2008, weswegen der Oppositionsführer zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt worden war und die im Zuge seiner Rückkehr aus dem Exil 2013 wohl nicht amnestiert wurde. Pikanterweise wurde der Haftbefehl in einem Moment publik gemacht, in dem Sam Rainsy in Tokio weilte. Hun Sen scheut sich offenbar, ihn direkt zu inhaftieren und hofft darauf, dass Rainsy es zum dritten Mal nach 2005 und 2009 vorzieht, im Ausland einer Inhaftierung zu entgehen.

Wenn er sich da nicht gewaltig täuscht. Es sieht schon sehr nach einer Verzweiflungstat aus, denn sie katapultiert den Oppositionsführer in eine starke Position: Kommt er nach Kambodscha zurück, muss Hun Sen ihn zwangsläufig inhaftieren, will er sein Image als „starker Mann“ aufrechterhalten. Das wiederum dürfte zahlreiche Anhänger der Partei zur Rettung der kambodschanischen Nation (PRKN) mobilisieren, massive Konfrontationen mit den Sicherheitskräften bis hin zu destabilisierenden Unruhen inklusive. Hun Sen würde in diesem Fall wohl den letzten Rest an internationaler Reputation einbüßen, da er sich endgültig als primärer Unsicherheitsfaktor in Kambodschas Innenpolitik zu erkennen gäbe. Das könnte dann auch nicht mehr seine engsten Partner Vietnam und China gefallen.

Um zu einer halbwegs gesichtswahrenden Lösung kommen, müsste Hun Sen den Haftbefehl schnellstmöglich wieder außer Kraft setzen. Oder ihn durch die ixte königliche Amnestierung in Luft auflösen lassen. Blamiert stünde er trotzdem dar. Es sei denn, Sam Rainsy spielt ihm in die Karten und scheut die Rückkehr.

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Kambodscha droht schwerste politische Krise seit 18 Jahren

Nhay Chamroeun, eines der beiden Opfer vom 26. Oktober.

Nhay Chamroeun, eines der beiden Opfer vom 26. Oktober.

Das politische Kambodscha blickt auf die Scherben einer dramatischen Woche zurück: Nachdem am Montag Nhay Chamroeun und Kong Sakphea, zwei Abgeordnete der oppositionellen Partei zur Rettung der kambodschanischen Nation (PRKN), vor dem Parlament trotz gegenteiliger Beteuerungen offenbar von regierungsfreundlichen Schlägern krankenhausreif geprügelt und zur medizinischen Behandlung nach Bangkok ausgeflogen wurden, setzte am Freitag die Regierungsmehrheit in der Nationalversammlung Kem Sokha (PRKN) als ersten stellvertretenden Parlamentspräsidenten ab, offenbar unter Bruch der Verfassung. Damit hat der Kampf von Premierminister Hun Sen gegen die Opposition die nächste Eskalationsstufe erreicht, dessen Ende noch nicht absehbar ist. Was bedeutet das für die Akteure, das Land und seine Menschen? Kambodscha scheint jedenfalls unmittelbar vor der schwersten innenpolitischen Krise seit 1997 zu stehen.

Hun Sen hatte seit Juli 2014 eine bemerkenswerte Wandlung vom Warlord hin zu einem innenpolitisch verantwortungsbewussten Staatsmann hingelegt. Die neue, von ihm und Oppositionsführer Sam Rainsy postulierte „Kultur des Dialogs“ sollte die politische Konfrontation der letzten Jahrzehnte hinter sich lassen und Grundlage eines friedlichen Modus vivendi bilden. Höhepunkt war jenes Selfie der beiden Protagonisten bei einer kaum für möglich gehaltenen Familienzusammenkunft im Juli dieses Jahres. Aber in dem Moment musste Hun Sen wohl schon längst seinen Frontalangriff gegen die Opposition und die Rückkehr in die Rolle des Warlords, in der er sich wohler zu fühlen scheint, geplant haben: Langjährige Haftstrafen gegen Oppositionsanhänger wegen Nichtigkeiten, die Inhaftierung des PRKN-Senators Hong Sok Hour trotz parlamentarischer Immunität und eine chilischarfe Wortwahl in seinen Reden seitdem. Was bewegt ihn? Geht er strategisch vor, ist seine neue Unberechenbarkeit volle Absicht? Mit dem üblichen Machtstreben lässt sich sein Vorgehen jedenfalls nicht erklären, dafür bedarf es mittlerweile eigentlich anderer Ansätze. Es ist offensichtlich, dass er aufgrund uferloser Korruption und steigenden sozialen Konflikten in den letzten Jahren zu viel Sympathie im eigenen Volk verloren hat. Außerdem geht auch die wirtschaftliche Erfolgsstory mit konstant rund sieben Prozent Wirtschaftswachstum im Jahr langsam aber sicher dem Ende entgegen. Ein „Weiter so“ scheint eigentlich nicht mehr möglich zu sein. Die alleine von ihm nun forcierte politische Spaltung des Landes wird daher fatal sein. Spätestens jetzt dürfte allen Beobachtern klar sein, dass er seine ganz persönlichen Interessen weit über die der kambodschanischen Nation stellt. Man hätte denken können, dass er aufgrund der Ambitionen seiner Söhne und Töchter ein wenig zurückhaltender werden könnte, vielleicht sogar ein wenig altersmilde. Weit gefehlt. Nur einen Haken hatte die Sache: Mit seinen jüngsten Repressionen erweist er seinen Sprösslingen nun einen Bärendienst, weil die allgemeine Abneigung gegen den Hun-Clan demnächst auch sie ganz unmittelbar treffen kann. Das ist naheliegend, wenn Hun Sen seinen Frontalangriff weiter fortsetzt – und einiges scheint zurzeit möglich, leider: Eine Verhaftung von Sam Rainsy oder dessen drittes Exil, ein Verbot der Opposition, ein Schlussstrich unter die Arbeit kritischer Nichtregierungsorganisationen und oder die Aussetzung der nächsten Wahlen. Kambodscha könnte sehr bald ein anderes Land sein – und Hun Sen sich eines Tages für seine Taten verantworten müssen.

Dass der Partei- und Regierungschef diese Attacken ohne nennenswerten Widerstand innerhalb seiner Kambodschanischen Volkspartei (KVP) durchziehen kann, ist der traditionell exzellenten Disziplin seiner Gefolgschaft geschuldet. Man kann aber auch sagen: Kadavergehorsam. Dass es im Vergleich zu anderen autoritären Regimen, in denen immer mal wieder Gefolgsleute in Ungnade fallen, kaum Dissens im erweiterten Machtapparat gibt und die Aussortierungen der letzten Jahre an einer Hand abzuzählen sind, ist jedenfalls ein eindeutiges Indiz für die Stabilität des Regimes. Und traurig und beschämend zugleich, dass die vielen exzellent ausgebildeten Fachleute im Parlament und in den Ministerien das alles so achselzuckend hinnehmen. Noch hätten sie die Chance, der Verantwortung für ihr Land gerecht zu werden und auf notwendige Reformen (wie etwa in der Landwirtschaft), deren Überfälligkeit viele schon längst  erkannt haben, zu drängen. Was macht das eigentlich mit Menschen, die dauerhaft gegen ihre Überzeugungen agieren? Sind sie innerlich zerrissen – oder dann doch mehr ihrem Frontmann verpflichtet als ihren Überzeugungen? Keine Frage: Das Land braucht diese Fachleute und Experten ohne jede Einschränkung, gerade weil die Opposition bei Weitem nichts Vergleichbares aufzubieten hat. Wer kann aber heute mit Sicherheit sagen, dass es einst nicht heißen wird: Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen?

Auch Sam Rainsy und seine PRKN stehen vor schweren Entscheidungen, man kann sogar sagen: vor einer existenziellen Bedrohung. Immerhin war das Amt des ersten stellvertretenden Parlamentspräsidenten ein wichtiger Bestandteil des Deals, der zum Ende des Boykotts der Opposition und zu ihrer Anerkennung der Ergebnisse der Parlamentswahlen 2013 führte. Große Fehler kann man der PRKN nicht vorwerfen, jedenfalls ist Überleben in einem Tigerkäfig inklusive Raubkatze schon ein Erfolg an sich. Dennoch ist ihre bisherige Strategie krachend gescheitert, obwohl sie vielversprechend war: Das Momentum der Popularität von 2013 nach 2018 übertragen, dabei auf das Potential von bis zu einer Millionen jungen Erstwählern zu setzen und in freien und fairen Wahlen einen historischen Sieg zu erringen. Sam Rainsy hat sich in den letzten Monaten kaum provozieren lassen, schließlich wollte er seinem großen Widersacher keinen Anlass zum Ende der friedlichen Koexistenz geben. Nun sind die Partei und ihr charismatischer Präsident Opfer ihrer eigenen Popularität geworden und gute Ratschläge teuer. Zwei grundsätzliche Möglichkeiten zeichnen sich nun ab: Erstens so tun, als sei nichts gewesen. Cool bleiben, sich weiter nicht provozieren lassen. Die Attacken des Diktators als Verzweiflungstaten gegen seinen nicht mehr zu vermeidenden Abstieg hinnehmen. Ihn bis zur Weißglut treiben, das blutrünstige Monster herauslocken bis auch der letzte internationale Beobachter seine Unmöglichkeit erkennt – wenn Sam Rainsys Truppe dafür die Nerven hat. Möglichkeit zwei ist noch ungemütlicher: Rückzug aller Parlamentsabgeordneten, Verlagerung der Oppositionsarbeit in andere öffentliche Räume, Mobilisierung ihrer Anhänger zu regelmäßigen Demonstrationen, Wiederaufnahme der intensiven internationalen Lobbyarbeit, die Sam Rainsy schon früher betrieb, und der Boykott der Gemeinderats- (2017) und Parlamentswahlen ein Jahr später. Das wäre der Super-Gau für das politische System und bliebe wohl nicht ohne erhebliche Konsequenzen für Wirtschaft und Gesellschaft. Hun Sen stünde blamiert da und würde sich wohl furchtbar revanchieren. Das wäre eine Eskalation, deren Konsequenzen für die gesamte Stabilität des Landes fatal wären. Egal, wofür sich die PRKN entscheidet: Noch nie war so viel Mut erforderlich, als Teil einer populären Opposition eine eigene freie Meinung zu äußern, als im Moment. Um jegliche Missverständnisse zu vermeiden: Die Opposition ist nicht geheiligt. Jenseits von Sam Rainsy blühen Inkompetenz und politische Naivität. Vetternwirtschaft grassiert nicht wesentlich weniger als in der KVP, der anti-vietnamesische Chauvinismus hat ein bedrohliches Ausmaß eingenommen. Ohne die Lichtgestalt Sam Rainsy geht nichts, das weiß der 66-jährige selbst am besten und kümmert sich um fast alles alleine. Das kann sehr verhängnisvoll für die Partei werden, sollte sie nicht schleunigst nachhaltige Strukturen entwickeln. Im Parlament gibt sie ein jämmerliches Bild ab, bei jeder nur halbwegs brisanten Entscheidung boykottieren die Abgeordneten der Opposition die Sitzungen. Dabei wurden sie doch gewählt, um die Interessen des Volkes zu vertreten – und die Waffe der Rede kann mitunter sehr wirkungsvoll sein. Aber es gibt in Kambodscha keinen Cato und keinen Cicero – Heroen, die es nun mal braucht, wenn die demokratische Idee nur von wenigen geteilt wird.

In diesem Sinne sind die Unterschiede zum Premierminister eher marginal. Es ist offensichtlich, dass sich Hun Sen diesen Lebens- und Regierungsstil nur leisten kann, weil er von großzügigen Mäzenen und Sponsoren alimentiert wird. Es ist kein Geheimnis, dass die internationale Entwicklungszusammenarbeit das, was an Ineffizienz, Korruption und Willkürherrschaft zu Recht angeprangert werden muss, zum Teil erst ermöglicht hat. Da zumindest einige der vorzüglich bezahlten Mitarbeiter dieser Organisationen durchaus Eigeninteressen in Kambodscha verfolgen, kann man von ihnen als letztes erwarten, zu einer Verbesserung der Lage beizutragen (warum auch, man würde höchstens den eigenen Arbeitsplatz gefährden). Also keine Bedingungen an unsere Hilfen knüpfen? Nein, würden wohl die Apologeten der Entwicklungszusammenarbeit skandieren, wir wollen doch niemandem vorschreiben, wie er zu leben habe, also keine Konditionalität und schon gar kein Neokolonialismus! Richtig so, da kann man sich vorbehaltlos anschließen, jede Nation und alle Menschen sollten unter Wahrung des Friedens das uneingeschränkte Recht haben, so zu leben, wie sie es gerne möchten. Aber nicht mit unserem Geld. Als Steuerzahler haben wir das Recht, einen Pfropfen in dieses Fass ohne Boden zu stecken, denn schließlich ist es öffentliches, also unser aller Geld. Nun, zumindest die Bundesrepublik Deutschland hat sich festgelegt (und zwar auf höchster Ebene im Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung), in Kambodscha zu bleiben. Diese Entscheidung wurde erst gerade getroffen – hätte man bis Anfang November gewartet, hätte sie wohl zwingend anders ausfallen müssen. Letztendlich wäre ein Exit wohl auch nur ein symbolischer Schritt gewesen, angesichts der horrenden Beträge, die aus anderen Quellen nach Kambodscha fließen.

Auch ein naheliegender Einwand lässt sich angesichts der nackten Fakten schnell entkräften: Wir können doch nicht die zivilgesellschaftlichen Akteure, die eine so wertvolle Arbeit leisten, alleine lassen! Nun gilt es gleich aus mehreren Gründen als erwiesen, dass es in Kambodscha gar keine Zivilgesellschaft gibt, nur eine sogenannte. Das liegt daran, dass die honorigen Organisationen ihren Betrieb nach wie vor ausschließlich aus internationalen Geldern bestreiten und nicht von der kambodschanischen Gesellschaft getragen werden. Auch wenn das, was sie tun, für den Entwicklungsprozess in aller Regel wichtig und richtig ist (nonformale Bildung, Gesundheitsdienstleistungen, Frauen- und Menschenrechte), können sie keine inländischen Mittel akquirieren oder versuchen es erst gar nicht. Kambodschas Mittel- und Oberschicht, die keine oder kaum Abgaben an den Staat zu leisten haben, ist am sozialen Ausgleich einfach nicht interessiert (eher im Gegenteil werden diese Akteure als potentielle Bedrohung wahrgenommen, anders ist die Verabschiedung des sogenannten NGO-Gesetzes nicht erklärbar). Aber sie brauchen es auch gar nicht, denn es wird ja schließlich aus dem Ausland bezahlt. Allerdings ist kaum noch zu verstehen, warum wir noch für so viel Verantwortungslosigkeit geradestehen sollen, 24 Jahre nach Unterzeichnung der Pariser Friedensverträge. Und wie lange noch? Zehn, zwanzig oder fünfzig Jahre? Und wenn sich nichts ändert? (Exkurs: Die Afghanen machen es gerade vor: Ein gescheiterter Staat, von dem aus viel Unheil in die Welt getragen wurde, wird mit massiver internationaler Hilfe wiederaufgebaut. Auch deutsche Soldaten und Entwicklungshelfer sind aus einer solidarischen Motivation heraus für diese Idee gestorben. Leider blieb es bei einem Versuch, denn gleichzeitig kamen Gewalt und Terror zurück, der Drogenanbau und -handel blühen, Raffgier und Korruption übertreffen selbst kambodschanische Dimensionen. Mit dem internationalen Truppenabzug neigt sich die Party nun dem Ende entgegen, und die Afghanen packen die Koffer, um sich in Deutschland (und teilweise anderswo) als asylbedürftig vorzustellen, anstatt um die Zukunft ihres Landes zu kämpfen. Ist das die Blaupause für die Kambodschaner, wenn der letzte Baum gefällt und die letzte Parzelle Land an einen ausländischen Investor verhökert wurde?)

Nein, die Khmer müssen lernen, für sich selbst verantwortlich zu sein. Bisher sind sie über Ansätze kaum hinaus gekommen und im partikularistischen Clan-Denken verhaftet geblieben – mit fatalen Folgen für die gesellschaftliche Kohärenz. Natürlich werden sie auch eingeschüchtert, wer aufmuckt bedroht. Das ist das Erfolgsrezept von Hun Sens langer Amtszeit. Nach den letzten Parlamentswahlen konnte man durchaus zu dem Schluss kommen, dass die Methode der permanenten Verängstigung ihre Grenzen erreicht habe. Hun Sen dürfte sich wohl eher geärgert haben, dass er es versäumt habe, die allgemeine Furcht auf dem erforderlichen Niveau zu halten. Ob er das mit seinem Frontalangriff nun wieder wettmachen kann, ist die ganz große Frage. Er wird Erfolg haben, wenn sich die Khmer vor die Entscheidung gestellt sehen, faktisch über Option eins – Frieden – oder Option zwei – Demokratie und Gerechtigkeit – abstimmen zu müssen. Eine perfide Erpressung: wählt mich oder ich lasse die Panzer auffahren! Auch wenn die Khmer vor dem Hintergrund ihrer geschichtlichen Tragödie verständlicherweise Ruhe und Ordnung präferieren, ist es ja nicht so, dass durch die Regierungspolitik das Land immer mehr in eine soziale Schieflage gerät, mit gewaltigem Konfliktpotential – die Entscheidung pro Hun Sen für inneren Frieden ist also überaus trügerisch. Nun fällt im Vergleich zu anderen autokratisch regierten Ländern auf, wie wenig das Regime in Kambodscha anstellen muss, um auf das erwünschte Ergebnis zu kommen: Es gibt tatsächlich kaum Menschen, die derzeit aufgrund ihrer politischen Orientierung oder für ihren Einsatz für sozialen Ausgleich und Menschenrechte im Gefängnis sitzen oder ermordet werden. Ist Kambodscha also ein Land der Mutlosen, der Angsthasen? Jedenfalls wird es keine substantiellen Veränderungen geben, wenn die Menschen sie nicht einfordern. Das hat die Geschichte unabhängig vom Kulturkreis immer wieder gezeigt. Wie eklatant die Defizite diesbezüglich sind, zeigt folgendes aktuelle Beispiel (es gäbe so viele mehr): In der Planung eines baldigen Besuches einer führenden unabhängigen kambodschanischen Gewerkschafterin ist es nicht möglich, innerhalb Deutschlands oder Europas einen qualifizierten Übersetzer zu finden. Alle haben die Hosen voll, und nun soll es, muss es einer aus den USA richten. Ist das stillschweigende Duldung der bestehenden Verhältnisse oder vorauseilender Gehorsam? Oder fängt da schon Kollaboration an? Es ist gar nicht erforderlich, dass alle Menschen stets Zivilcourage beweisen und schon gar nicht ihr Leben riskieren müssen, aber für eine Gesellschaft ist es ein Desaster, wenn es abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen niemand für nötig hält. Sollen sie sich aber bloß nicht beschweren, dass sie in Willkür und Armut leben!

Es geht um Haltung, Moral und staatsbürgerliche Pflichten, wenn man nicht als Untertan leben möchte. Was aber werden diejenigen, die immer nur wegschauen und allein auf ihren unmittelbaren materiellen Vorteil bedacht sind, dereinst ihren Kindern sagen, wenn die fragen: Papa, Mama, was habt ihr damals eigentlich gemacht?

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Ab 2016 gut 9 Prozent mehr für Kambodschas Textilarbeiterinnen

Kambodschas rund 700.000 Beschäftigte der Schuh- und Bekleidungsindustrie werden ab 1. Januar anstatt 128 US-Dollar mindestens 140 Dollar im Monat verdienen. Wie schon bei den Tarifverhandlungen im letzten Jahr liegt der neue Mindestlohn über der vom Labour Advisory Committee (LAC), dem neben der kambodschanischen Regierung auch Arbeitgeber und Arbeitnehmer angehören, anvisierten Summe – Premierminister Hun Sen höchstselbst hat verfügt, sie um fünf weitere Dollar anzuheben.

Die Gewerkschaften – Kambodscha verfügt über 3.000 Arbeiterassoziationen und dabei weit mehr, als der Bewegung und dem Land guttut – hatten sich Ende September auf Forderungen in Höhe von 168 US-Dollar verständigt, einige träumten gar von 207 Dollar. In einer 48-köpfigen Arbeitsgruppe – je 16 pro Regierung, Arbeitgeberverband GMAC und Gewerkschaften – war die Forderung schon auf 160 US-Dollar eingedampft worden, erhielt aber erwartungsgemäß die wenigsten Stimmen, nicht zuletzt aufgrund der hohen Anzahl an regierungsnahen Gewerkschaften. Die Arbeitgeberseite, nicht völlig unbegründet um den Wirtschaftsstandort Kambodscha besorgt, wollte in diesem Jahr nicht mehr als einen Inflationsausgleich gewähren, der nicht mehr als 4,50 US-Dollar gebracht hätte.

Zuviel Unzufriedenheit unter den Textilarbeiterinnen kann sich die Regierung allerdings auch nicht leisten. Vielleicht reicht die Summe aus, um Streiks zu vermeiden, die spätestens seit den Ereignissen vom Januar 2014 potentiell als destabilisierend nicht nur für die ganze Volkswirtschaft gelten. Laut einer jüngsten Studie der unabhängigen Arbitration Council Foundation, die bei Konflikten zwischen den Arbeitgebern und Arbeitern als Mediator angerufen werden kann, sind aber nur 37% aller Streiks auf Fragen zur Entlohnung zurückzuführen. Weit öfter geht es um schlechte Arbeitsbedingungen, unter denen die Textilarbeiterinnen zu leiden haben.

Allerdings wurden Fragen zu den Arbeitsbedingungen wurden auch in diesen Tarifverhandlungen nicht berührt.

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Und immer wieder wird mit Krieg gedroht

Besonders einfallsreich scheint er ja nicht zu sein, Südostasiens Rekord-Regierungschef, schließlich wiederholen sich seine Kriegsdrohungen regelmäßig. Trotzdem hört man hin, sind Hun Sens jüngste Äußerungen doch ein erneuter Beleg für die ungeschminkte Wahrheit über Kambodschas fragile Entwicklung der letzten gut zwei Jahrzehnte. Anlass waren dieses Mal Überlegungen der oppositionellen Partei zur Rettung der Kambodschanischen Nation (PRKN/CNRP), nach einem Machtwechsel unabhängige Richter über illegale Landaneignungen zu befinden, durch die viele im Dunstkreis der regierenden Kambodschanischen Volkspartei (KVP) zu zweifelhaftem Wohlstand gekommen sind.

Die Großunternehmer seien die Feinde der Opposition, so wird Hun Sen im Cambodia Daily zitiert, und sie seien niemals bereit, ihren Besitz freiwillig abzugeben. Diese Konstellation führe zwangsläufig zum Krieg (in diesem Fall wohl Bürgerkrieg). Ob das mehr als nur eine hole Drohung ist kann nicht mit letzter Sicherheit beantwortet werden. Unwahrscheinlich bleibt sie dennoch, auch wenn viele Unternehmen enge Beziehungen zu den Streitkräften unterhalten. Aber ohne eine zentrale Führungspersönlichkeit (wer das wohl sein könnte???), die einen solchen Krieg gutheißt und organisiert, wird das wohl kaum funktionieren. Nun sind sich die etwas Beleseneren im Gefolge – im Übrigen mehr als man annehmen könnte – jedoch schon länger bewusst, dass das Regime in diesem Fall zu einem international geächteten Paria absinken wird, schmerzhafte Wirtschaftssanktionen inklusive.

Die Party, die Kambodschas Elite seit Jahren feiert, wird so oder so demnächst zu Ende sein. Denn ob und wie man einen Staat, also ein Gemeinwesen, dauerhaft ohne Besteuerung und Sozialtransfers zusammenhalten kann, wird auch Hun Sen nicht beweisen können. Dringende Reformen zum Erhalt der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit sind überfällig, sonst wird Kambodschas langanhaltender Aufschwung sehr bald schon seinen Peak erreicht haben. Allerdings zweifeln viele, ob diese Regierung, die Korruption und Vetternwirtschaft zu einem Organisationsmerkmal erhoben hat, überhaupt willens oder in der Lage ist, entsprechende Schritte einzuleiten.

Ihre Zeit läuft ab, Drohungen hin oder her.

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It’s good to talk

Logo Southeast Asia GlobeCambodia’s two political top guns have reached an unlikely accord in recent months. The “culture of dialogue” has been maligned by some, but it could play a more significant role than people think.

Read the full Story online or in the September Issue of the Southeast Asia Globe Magazine.

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Preah Vihear!

Zugegeben, er ist nicht leicht zu erreichen, dieser langgestreckte Tempel im Dongrek-Gebirge, am äußersten nördlichen Rand des Königreichs, aber dank der thailändischen Aggressionen vor vier Jahren zumindest auf ausgebauten Straßen. Schließlich muss man bei Bedarf schnell schweres militärisches Gerät verlegen können. Aber es lohnt sich allemal, weil der Prasat Preah Vihear unzweifelhaft gleich nach Angkor Wat zum zweitwichtigsten Nationalsymbol Kambodschas aufgestiegen ist. Hier kulminiert der Glanz einer untergegangenen Epoche zum Stolz des ganzen Landes, zum kollektiven Bewusstsein, zum einigenden Band aller Khmer. Auch wenn es an der Grenze, die nur wenige Meter vom eigentlichen Ausgangspunkt (den untersten Treppenstufen) entfernt liegt, seit 2012 friedlich geblieben ist, sollte sich niemand täuschen: Die Region ist hochmilitarisiert, das (männliche) Tempelpersonal besteht praktisch ausnahmslos aus Soldaten, die lediglich Zivilkleidung tragen, um die Touristen nicht zu verschrecken. Das Signal ist klar, und keiner sollte etwas anderes für möglich halten: Kambodscha wird seine Hoheit über diesen Tempel um jeden Preis verteidigen. (Foto: Karbaum)

Zugegeben, er ist nicht leicht zu erreichen, dieser langgestreckte Tempel im Dongrek-Gebirge, am äußersten nördlichen Rand des Königreichs, aber dank der thailändischen Aggressionen vor vier Jahren zumindest auf ausgebauten Straßen. Schließlich muss man bei Bedarf schnell schweres militärisches Gerät verlegen können. Aber es lohnt sich allemal, weil der Prasat Preah Vihear unzweifelhaft gleich nach Angkor Wat zum zweitwichtigsten Nationalsymbol Kambodschas aufgestiegen ist. Hier kulminiert der Glanz einer untergegangenen Epoche zum Stolz des ganzen Landes, zum kollektiven Bewusstsein, zum einigenden Band aller Khmer. Auch wenn es an der Grenze, die nur wenige Meter vom eigentlichen Ausgangspunkt (den untersten Treppenstufen) entfernt liegt, seit 2012 friedlich geblieben ist, sollte sich niemand täuschen: Die Region ist hochmilitarisiert, das (männliche) Tempelpersonal besteht praktisch ausnahmslos aus Soldaten, die lediglich Zivilkleidung tragen, um die Touristen nicht zu verschrecken. Das Signal ist klar, und keiner sollte etwas anderes für möglich halten: Kambodscha wird seine Hoheit über diesen Tempel um jeden Preis verteidigen. (Foto: Karbaum)

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Auf Schmusekurs

Ein Selfie ist eigentlich auch in Kambodscha nichts Besonderes mehr, aber dies wird vielleicht eines Tages in die Geschichtsbücher eingehen: Sam Rainsy und Hun Sen unterstreichen mit diesem Schnappschuss eindrucksvoll, dass sie es ernst meinen mit ihrem „Culture of Dialogue“ – zumindest auf der zwischenmenschlichen Ebene. Am Samstag, als dieses Foto entstand, trafen sich beide zu einem gemeinsamen Abendessen im Hotel Cambodiana, im Schlepptau nicht nur ihre Gattinnen, sondern alle zurzeit greifbaren Sprösslinge. Ein Familientreffen der besonderen Art also – wo das noch hinführt? Jedenfalls nicht zum Ende der politischen Gegensätze: Die heutige Verabschiedung des hochkontroversen „NGO-Gesetzes“ boykottierten sämtliche Abgeordnete der Opposition. Aber darüber soll am Samstag nicht gesprochen worden sein, jedenfalls „nicht vor den Kindern“, wie ein Sprecher der regierenden Kambodschanischen Volkspartei erklärte. (Foto: Sam Rainsy)

Ein Selfie ist eigentlich auch in Kambodscha nichts Besonderes mehr, aber dies wird vielleicht eines Tages in die Geschichtsbücher eingehen: Sam Rainsy und Hun Sen unterstreichen mit diesem Schnappschuss eindrucksvoll, dass sie es ernst meinen mit ihrem „Culture of Dialogue“ – zumindest auf der zwischenmenschlichen Ebene. Am Samstag, als dieses Foto entstand, trafen sich beide zu einem gemeinsamen Abendessen im Hotel Cambodiana, im Schlepptau nicht nur ihre Gattinnen, sondern alle zurzeit greifbaren Sprösslinge. Ein Familientreffen der besonderen Art also – wo das noch hinführt? Jedenfalls nicht zum Ende der politischen Gegensätze: Die heutige Verabschiedung des hochkontroversen „NGO-Gesetzes“ boykottierten sämtliche Abgeordnete der Opposition. Aber darüber soll am Samstag nicht gesprochen worden sein, jedenfalls „nicht vor den Kindern“, wie ein Sprecher der regierenden Kambodschanischen Volkspartei erklärte. (Foto: Sam Rainsy)

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Parteichef Hun Sen

Das Zentralkomitee der regierenden Kambodschanischen Volkspartei (KVP) hat am Wochenende wie erwartet Regierungschef Hun Sen zum neuen Parteipräsidenten gewählt. Die Position war nach dem Tod von Chea Sim vor zwei Wochen vakant geworden. Während Hun Sen, bisher einziger stellvertretender Parteipräsident, im letzten Jahr noch nicht als Topfavorit für die Nachfolge des erkrankten Parteichefs galt, hatte er erst Anfang Mai das Amt deutlich für sich beansprucht.

Gleichzeitig wurde die Anzahl der Stellvertreter verdoppelt und im selben Wahlgang gleich mitbestimmt: Zwar wurde das exakte Abstimmungsverhalten nicht dokumentiert, aber die nominierten Say Chhum, seit kurzem Nachfolger von Chea Sim als Senatspräsident, und Innenminister Sar Kheng setzten sich erwartungsgemäß durch. Erst vor einigen Tagen war beiden der extrem prestigeträchtige royale Ehrentitel Samdech verliehen worden. Sowohl Sar Kheng als auch Say Chhum waren enge Vertraute Chea Sims und gelten schon seit längerem als absolute Schwergewichte in der kambodschanischen Politik. Say Chhum, dessen Sohn Say Sam Al vor zwei Jahren zum Umweltminister ernannt worden war, wird überdies auch seinen Posten als Generalsekretär der KVP behalten.

Außerdem gab die KVP am Wochenende bekannt, dass Hun Sen entgegen anderslautender Gerüchte auch bei den kommenden Parlamentswahlen 2018 als Spitzenkandidat antreten wird. Ein eindeutiger Nachfolger oder gar Kronprinz drängt sich nach dem außerordentlichen Parteikongress auch nicht mehr auf. Es war gewiss ein geschickter Schachzug des Premierministers, zwei ebenbürtige Stellvertreter zu installieren, auch wenn zwischen den beiden bisher keine besonderen Rivalitäten überliefert sind. Lediglich ein kleiner Unterschied bleibt erkennbar: Sar Kheng wird zukünftig die Amtsgeschäfte des Parteipräsidenten übernehmen, wenn Hun Sen im Ausland weilt. Gleiches gilt für das Amt des Regierungschefs – vielleicht doch ein Fingerzeig dahin, wer die zweite Geige spielt?

Wie auch immer: Das Prinzip divide et impera, von Hun Sen perfektioniert, gilt weiterhin.

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Chea Sim ist tot

Chea Sim, amtierender Präsident des Senats und der Kambodschanischen Volkspartei (KVP), ist am Montag nach langer Krankheit im Alter von 82 Jahren verstorben. Er gehörte zu den führenden Persönlichkeiten, die Kambodscha nach 1979 politisch geprägt haben – in einer der schwersten Phasen, die es in der jüngeren Weltgeschichte für ein Land überhaupt zu meistern gab. Chea Sim schloss sich 1952 den kommunistischen Khmer Issarak an, insgesamt ging er nur fünf Jahre zur Schule. Später kämpfte er im Bürgerkrieg auf den Seiten der Roten Khmer, bis er 1978 vor internen Säuberungen nach Vietnam flüchtete.

Der vietnamesische Geheimdienst legte damals ein Dossier an, in dem Chea Sim umfassend charakterisiert wurde: „Genosse Xim tritt mitunter versöhnlerisch, zaghaft und unentschlossen auf… Obwohl schon von Zweifel erfasst, vertraute Xim von 1975 bis 1978 immer noch auf den politischen Kurs der Partei [der er sich 1962 angeschlossen hatte], d.h. auf den von Pol Pot/Ieng Sary… Unter den Kadern, die nach Vietnam gekommen sind…, besitzt Xim die vielseitigsten Fähigkeiten, vor allem in der Leistungstätigkeit, und gute Anschauungen auf vielen Gebieten. Man kann nicht nur auf Gebietsebene, sondern auch auf höherer Ebene große Aufgaben übertragen… Bildungsstand und Wissen sind beschränkt, aber er hat praktische Erfahrungen… Er benimmt sich korrekt, redet nicht viel, tut sich kaum  hervor…“

Mit seinen neuen Verbündeten kehrte er als Vizepräsident der United Front for National Salvation of Kampuchea bereits wenige Monate später hinter den Invasionstruppen in seine Heimat zurück. In den 80er Jahren diente er unter den vietnamesischen Besatzungstruppen in verschiedenen Ämtern, ehe er 1991 zum Präsidenten der KVP aufstieg und ab April 1992 für knapp vierzehn Monate als Staatsoberhaupt amtierte. Zwischen 1993 und 1998 stand der an der Spitze der Nationalversammlung, ehe er 1999 Präsident des Senats wurde. 2004 folgte dann der endgültige Absturz: Da er sich weigerte, der Neuauflage der Koalition mit den Royalisten zuzustimmen, erhielt er von Hun Sen, dem stellvertretenden Parteipräsidenten, die ultimative Drohung. Unter freiem Geleit flüchtete er kurzzeitig nach Bangkok.

Danach zog er sich immer weiter zurück, bildete mit seinem Schwager und Innenminister Sar Kheng aber immer noch ein einflussreiches Tandem innerhalb der KVP. 2013 trat er auf Listenplatz 1 in Phnom Penh für die KVP zu den Parlamentswahlen an, obwohl er niemals beabsichtigt hatte, in die Nationalversammlung einzuziehen. Bei den spärlichen öffentlichen Auftritten in den letzten Jahren zeigte er sich als zunehmend gebrechlicher Greis, ehe er sich 2014 vollständig zurückzog. Für die herben Verluste bei den letzten Wahlen musste er sich nicht mehr verantworten. Zuletzt kündigte Hun Sen an, seinen alten Rivalen als Parteichef beerben zu wollen.

Chea Sim gehörte einer Generation an, die Kambodscha in den letzten Jahrzehnten entscheidend geprägt haben – in seiner Biographie spiegelt sich die Tragödie des ganzen Landes, deren Nachwirkungen bis heute spürbar. Ein Auslandsmitarbeiter einer politischen Stiftung beschrieb ihn mal als „alten sozialistischen Apparatschick“, und ein Demokrat, auch kein lupenreiner, ist er sicherlich nie gewesen. Aber im Gegensatz zu anderen wurde er nie persönlich als Verantwortlicher systematischer Menschenrechtsverletzungen nach 1978 gebrandmarkt, und obwohl Chea Sim als überaus wohlhabender Mann (in einem Alter, das viele Khmer bis heute nicht erreichen) verstorben ist, hat er sich nie so schamlos und obszön bereichert wie es andere im Regime bis heute tun.

Doch es wäre weit gefehlt, ihn als Vorbild für andere Politiker zu bezeichnen – persönlicher Machterhalt war ihm stets wichtiger als den Mut für politische Reformen aufzubringen. Die eingebrockte Suppe, also die seit den 90er Jahren verschenkte Zeit Kambodscha nachhaltig zu entwickeln, werden andere auslöffeln müssen.

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